Kultur : Guter Stil und feine Noten

Jörg Königsdorf

Seinen bis heute währenden Nachruhm verdankt der niedersächsische Landadlige Adolf Freiherr von Knigge einem einzigen Werk: Seinem 1788 erschienenen Aufklärungs-Bestseller „Über den Umgang mit Menschen“, der fälschlicherweise oft als Benimm-Fibel missverstanden wird. Dass der Freiherr auch als Komponist dilettierte, ist dagegen so gut wie vergessen – obwohl die Beschäftigung bei jemandem, der sich um den guten Ton und das richtige Taktgefühl kümmert, eigentlich nahe liegt. Ein paar Klavierlieder, ein Halbdutzend Sonaten und als Hauptwerk – ausgerechnet – ein Fagottkonzert sind als Knigge-Kompositionen überliefert. Und irgendwie passt der altväterlich-knorrige Klang des Fagotts gut zur etwas altmodisch-umständlichen Höflichkeit, die man sich im gesellschaftlichen Verkehr der besseren Kreise in der norddeutschen Provinz vorstellte. Und sicher profitiert das Stück, dass Knigge bereits mit 22 Jahren schrieb, besonders von der historischen Aufführungspraxis und ihrem Konversationsgeist – vor allem was den distinguierteren Klang des Barockfagotts angeht. Das Ensemble Concerto Brandenburg , das sich seit seiner Gründung 1998 immer wieder mit unkonventionellen Programmen profiliert hat, präsentiert die Rarität jetzt in seinem Silvesterkonzert und leistet damit den originellsten Beitrag im ansonsten eher vorhersehbaren Festtagsreigen. Wer will, kann das Stück, das von Sinfonien Haydns und Mozarts gerahmt wird, am letzten Tag des Jahres in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche übrigens gleich zweimal hören: um 15.30 und um 20 Uhr. Aber über eine so unbescheidene Idee hätte Knigge vermutlich missbilligend den Kopf geschüttelt.

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