Kultur : Gutes, glattgebügelt

CHRISTIAN SCHRÖDER

Wie soll man etwas filmen, das unsichtbar ist? "Dämon", ein Thriller von Gregory HoblitVON CHRISTIAN SCHRÖDERDas Böse, so sagt man, hat viele Gesichter.Anders gesagt: Es hat gar keins.Dämonen können jede beliebige Gestalt annehmen.Sie sind spirituelle Wesen, die sich den Körper suchen, in dem sie am besten ihre Mission erfüllen können: das Gute zu vernichten.Fürs Kino sind Dämonen deshalb tückisch: Wie soll man etwas filmen, das unsichtbar ist? Der Film "Dämon", in dem ein Geist namens Azazel die heimliche Hauptrolle spielt, greift zu einem Trick. Immer dann, wenn Azazel einen Körper verläßt, hebt die Kamera ab vom Erdboden und fliegt hoch zum Himmel, um sich dann hinabzustürzen aufs nächste Opfer.Die Menschen, von denen der Dämon Besitz ergreift, laufen anschließend mit flackerndem Blick herum, manchmal sprechen sie auch in längst ausgestorbenen Sprachen.Außerdem singen sie gern, denn Azazel ist ein musikalischer Geist: "Time is on my side". Mit der alten Stones-Nummer spielt der Dämon wohl auf das Ende aller Zeiten an, wie es im Johannes-Evangelium beschrieben ist: "Sie ist gefallen, Babylon die Große, und ist eine Behausung der Teufel geworden" (Offenbarung 18,2).Selbstverständlich wird in diesem Film ausgiebig aus der Apokalypse zitiert: in blutroten Lettern in den Wohnungen der von Azazel ermordeten Menschen. "Dämon" beginnt wie ein gewöhnlicher Thriller, ehe er sich zum Metaphysischen wendet.Die Detectives Hobbes (Denzel Washington) und Jonesy (John Goodman), das Erfolgsgespann der Polizei von Philadelphia, haben einen Serienmörder zur Strecke gebracht.Bevor er in der Gaskammer endet, brabbelt er unverständliche Worte, rollt irre mit den Augen und stellt ein Rätsel: "Was fehlt zwischen Lyons und Spakowsky?" Kurz danach ereignen sich neue Morde, die eindeutig die Handschrift des hingerichteten Killers tragen: Zahlen auf den Körpern der Toten, Frühstücksreste in der Küche, Schriften an der Wand.Bei seinen Recherchen entdeckt Hobbes im Keller des Polizeireviers eine verstaubte Ehrentafel, auf der zwischen den Namen Lyons und Spakowsky ein Feld freigeblieben ist. Ein Polizist namens Milano ist aus dem Behördengedächtnis gelöscht worden, weil er vor dreißig Jahren unter Mordverdacht geraten war und sich erschossen hatte.Nun scheint sich seine Geschichte zu wiederholen, mit einem neuen Opfer.Nachdem seine Fingerabdrücke an einem Tatort gefunden werden, wird Hobbes vom Jäger zum Gejagten. Das Böse hat in "Dämon" viele Gesichter.Das Gute nur eines: das von Denzel Washington.Mag sich um ihn herum auch der Dreck und das Verbrechen türmen, er wandelt als Inkarnation der Aufrichtigkeit weiter seines Weges, ein Roboter der Tugendhaftigkeit.Sein Gesicht wirkt so glattgebügelt wie die T-Shirts, über denen er stets ein kleines goldenes Kreuz trägt. Selbst als sich zwischen ihm und der Tochter des toten Polizisten eine Liason anbahnt, ist man sicher, daß er mit ihr bloß in die Kirche, aber nicht ins Bett gehen will.Anfangs, wenn die Kamera immer wieder durch die angegammelten, tageslichtlosen Bürokäfige des Polizeidepartments fährt, erinnert "Dämon" noch an die Ästhetik von Fernsehserien wie "NYPD Blue".Doch je weiter sich der Film - das Kinodebüt des bisherigen TV-Regisseurs Gregory Hoblit - ins Irrationale vorwagt, desto mehr verfängt er sich in einer Überfrachtung mit Symbolen, Verweisen, Zitaten.Vom düsteren Schrecken des ebenso bibelfesten Thrillers "Seven", der offensichtlich das Vorbild von "Dämon" war, fehlt jede Spur.Im Presseheft bittet der Verleih, die Auflösung der Geschichte nicht zu verraten.Das will man auch gar nicht tun.Sie ist einfach zu banal. CineStar, Kosmos, Kurbel, Royal Palast, Gropius Passagen, Zoo Palast.

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