Kultur : Gutes neues Deutschland

50 Jahre Fünfziger: Berliner Ausstellungen feiern Architektur und Design des Wirtschaftswunders

Bernhard Schulz

Über die Fünfzigerjahre der jungen Bundesrepublik gibt es zwei gängige, einander ergänzende Klischees. Das eine sieht die finstere Reaktion der Adenauer-Zeit und das verstockte Totschweigen der vorangegangenen braunen Jahre. Das andere amüsiert sich über Nierentische und Tütenlampen, über unbeholfene Modernität und naive Gegenwartssucht.

Soweit die Klischees. Dass die Fünfzigerjahre daneben auch eine gänzlich andere Qualität aufweisen, ist lange übersehen worden. Vielleicht bedarf es des Abstandes von einem halben Jahrhundert, um unvoreingenommen auf diese Wirtschaftswunderepoche zu schauen, die von der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 bis in die Sechzigerjahre hinein dauert, wenn man sie nicht ohnehin bis in die Umbruchszeit der Studentenbewegung um 1968 verlängern will.

Was so lange kleingeredet wurde, ist der moralische Impetus, der die Fünfziger durchzieht. Es gibt einen eigentümlich hohen Ton, der so gar nicht zur Realität der verdrängten Katastrophe der Nazi-Herrschaft und zum Sich-Einrichten in deren langem Schatten passen will. Und es wurde verkannt, wie stark der moralische Anspruch auch die materielle Kultur dieser Jahre durchdrang.

Die „gute Form“ ist ein solcher, moralisch unterfütterter Zeitbegriff. „Wir wollen gegen das Hässliche ankämpfen mit Hilfe des Schönen, Guten, Praktischen“, formulierte der Schweizer Max Bill, der Gründungsdirektor der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) 1953. Setzt man an die Stelle des „Hässlichen“ all das, was als Erblast aus den schlimmen Jahren zuvor überkommen war, so wird der moralische, verdeckt auch politische Rigorismus offenkundig.

Die Ulmer Hochschule: Sie war geradezu ein Synonym für den Aufbruchsgeist dieser Jahre. Zur HfG zeigt das Kunstgewerbemuseum am Kulturforum von morgen an die Wanderausstellung „Ulmer Modelle – Modelle nach Ulm“, die den 50. Gründungstag der HfG vor anderthalb Jahren begleitete. Es ist nur ein kalendarischer Zufall, dass im Bauhaus-Archiv soeben erst die Ausstellung „Kontinuität der Moderne“ zum 100. Geburtstag des Architekten Egon Eiermann (1904-1970) eröffnet wurde. Der Architekt hat sich mit der Neugestaltung der zerbombten Gedächtniskirche in die Berliner Stadtgeschichte eingeschrieben. Aber es gibt eine Verwandtschaft im Zufall: steht doch Eiermann für genau den Aufbruchsgeist, der in einer reduzierten und entschlackten Formgebung untergründig auch das unselige Erbe der Geschichte tilgen wollte.

Die erbitterten Diskussionen, die nach Kriegsende um den Begriff des „Wiederaufbaus“ geführt wurden, gaben die Richtung vor. Der Begriff fiel dem moralischen Verdikt anheim. „Neu“ sollte stattdessen alles werden. Ulm wie auch Eiermann stehen für die Gestaltung eines voraussetzungslos Neuen. Dabei steht zumindest die Gründung der Ulmer HfG im engen Zusammenhang mit der NS-Zeit. Inge Scholl, die jüngere Schwester der hingerichteten Widerständler Hans und Sophie Scholl, plante mit Hans Werner Richter – als Mentor der literarischen „Gruppe 47“ ein Zentralgestirn der Nachkriegsmoderne – eine „Tagesvolkshochschule“ für Politische Bildung. Aus dieser Idee erwuchs mit finanzieller Unterstützung der amerikanischen Besatzungsmacht die Gründung der Hochschule für Gestaltung. Max Bill, nicht nur Gründungsrektor, sondern auch Erbauer ihres programmatisch kargen Institutskomplexes draußen vor der Stadt, hatte 1949 das Stichwort der „guten Form“ geliefert.

Zwar schwebte Bill eher eine Bauhaus-Nachfolge mit künstlerischer Ausrichtung vor. Stattdessen hielt in Ulm alsbald die strikte Wissenschaft Einzug, auf die die Adepten der „industriellen Produktgestaltung“ fortan ihre Arbeit gründeten. Max Bills Allzweckhocker (1955), Hans Gugelots Phonogeräte für Braun wie etwa der legendäre „Schneewittchensarg“ (1956), Nick Roerichts weißes Kantinengeschirr „TC 100“ (1959), am meisten wohl aber Otl Aichers – des Ehemannes von Sophie Scholl und Mitbegründers der HfG – Typographie, die mit den „Piktogrammen“ für die Münchner Olympischen Spiele 1972 zu einer Art Weltsprache wurden – in solchen Inkunablen gewann der Ulmer Geist Gestalt.

Im Kunstgewerbemuseum sind diese Objekte jetzt zu bewundern. Ihre Modernität verdient, zeitlos genannt zu werden. Schwarz-weiß-Fotos vermitteln die Atmosphäre droben auf dem Ulmer Kuhberg, wo sich Geistesgrößen von Ernst Bloch bis Walter Jens zu Vorträgen und Diskussionen auf hartem Gestühl einfanden. Ulm repräsentierte mit seinen insgesamt 637 Studenten, darunter 278 ausländische aus 45 Staaten, in nuce das geläuterte, weltoffene Deutschland.

Erstmals einer weltweiten Öffentlichkeit präsentierte sich die Bundesrepublik auf der Weltausstellung von Brüssel 1958. Die Adenauer-Republik trat mit einem transparenten, frei schwebenden Pavillon auf, den Egon Eiermann, damals im Zenit seines Ruhms, gemeinsam mit dem bayerischen Architekten Sep Ruf entworfen hatte. Ruf wiederum schuf später aus gleichem Geiste den heftig befehdeten gläsernen Bonner „Kanzlerbungalow“ für Ludwig Erhard. Eiermann hingegen wurde unmittelbar im Anschluss an Brüssel mit dem Entwurf der Deutschen Botschaft in Washington beauftragt, dem wichtigsten Außenposten der jungen Bundesrepublik.

Eiermann, dem das Bauhaus-Archiv in einer mit elegant geschwungenen Fototafeln kongenial gestalteten Ausstellung huldigt, prägte einen Nachkriegs-Funktionalismus, der auf die Wirtschaftswundergesellschaft passgenau zugeschnitten war. Unternehmen wie Neckermann oder Horten gab er ein zeitgemäßes Erscheinungsbild fernab jedes Repräsentationsgehabes. Vielmehr: Die funktionale, vom Innenleben der Bauten – ob Versandhauslager, Kaufhaus oder Firmenverwaltung – angeregte Gestaltung kündete genau von jenem Abschwören von aller falschen Ideologie, die die Bundesrepublik der Wiederaufbaujahre so sichtbar zu bekunden suchte. Licht und Leichtigkeit – moderner, nach vorn gerichteter als in Eiermanns Bauten waren die Fünfzigerjahre nie. Dabei zeigen seine Möbel- und Objektgestaltungen, dass er die Wohnlichkeitssehnsucht dieser zutiefst heimatlosen Fünfzigerjahre auf seine Weise durchaus zu bedienen wusste. Sein Entwurf für die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die er auf Druck der Öffentlichkeit als Kompromiss von Ruine und Ergänzungsbauten fügte, zeigt genau jenen Modernismus, der vor der Radikalität der Vätergeneration des Bauhauses Halt macht, um stattdessen mit glühenden Farbfenstern und edlem liturgischen Gerät eine Brücke zur kirchlichen Tradition zu schlagen.

Die Ulmer Hochschule wurde 1968 aufgelöst; auf Druck der CDU-Landesregierung hin, die die weitere Finanzierung der privaten Hochschule an unerfüllbare Bedingungen knüpfte, mehr wohl aberaufgrund ihrer inneren Zerrüttung. Die moralische Kraft der Gründerjahre hatte sich erschöpft. Längst begehrten die Studenten auf; auch in der Idylle der HfG mit ihrem Schwerpunkt der „industriellen Formgebung“. Egon Eiermann starb 1970. Sein letztes Hauptwerk, die kelchförmigen Olivetti-Bürotürme in Frankfurt, wurde posthum vollendet.

Das Urteil über die Fünfzigerjahre verengte sich danach auf die Adenauer-Reaktion. Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert später, wird der Blick frei für die Aufbruchstimmung dieser Zeit – und für die Leistungen, die sie in Architektur und Gestaltung, ja in einer umfassenden Kultur der Erneuerung zustande brachte.

Kunstgewerbemuseum, Kulturforum, bis 12. Juni. Katalog bei Hatje Cantz, 28 €. Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 16. Mai. Katalog bei Hatje Cantz, 24 €.

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