Kultur : Gutsein lohnt sich

JAN SCHULZ-OJALA

Manchmal vielleicht in unserer täglich verpixelter wirkenden Welt braucht man solche Filme. Filme mit einer geradlinigen Geschichte, Filme wie Fabeln, Filme mit einer Botschaft. Hier lautet sie: Sei gut zu den Menschen, dann werden sie auch gut zu dir. Sei unablässig gut auch zu den Garstigen, denn auch die Garstigen haben ein Herz. Erst wirst du es öffnen. Dann werden sie es dir schenken. Und wenn du Glück hast, dann schenken sie dir auch noch ihre ganzen Ersparnisse dazu.Nein, das wäre zu garstig interpretiert. Das Mädchen Shan, eine wunderschöne Unschuld vom Lande, die sich ihre geradezu überirdische Reinheit auch in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou bewahrt, hat es nicht auf das Geld der alten Frau abgesehen, für die sie kocht, für die sie einkauft seit einiger Zeit, für die sie wie eine Tochter sorgt. Es ist nur so: Ein bißchen traurig ist sie doch geworden in der großen Stadt. Und in ihrer Heimat, draußen auf dem Land, will sie eines Tages ein Restaurant eröffnen. Nur das Geld, das hat sie nicht. Das wird sie wohl nie zusammenverdienen, wenn, ja, wenn die alte Frau namens Axi mit ihrem Sparstrumpf nicht wäre.Drei Haushälterinnen hat der auf dem Bau arbeitende, stets gestreßte Adong seiner Mutter Axi schon zugeführt, alle drei hat sie vergrault. Shan, mit deren Vorstellungsgespräch der Film fast einsetzt, ist ihre letzte Chance, sonst droht das Altersheim. Mit ihrer Schwiegertochter hat es sich die Dauertelefoniererin Axi schon verdorben, und auch Adong taumelt zwischen den Wünschen seiner Frau und jenen seiner Mutter nur noch hin und her. Zudem ständig in Geldnöten, aus denen ihn auch die Mutter nicht erlöst, ist er der entfremdete zeitgenössische Mensch, mit Auto und Handy, doch ohne Freiheit und Zeit, jener Bewohner der Moderne, die Regisseur Hu Bingliu zu schildern vorgibt und für die er sich zugleich nicht wirklich interessiert. "Live in Peace" widmet sich fast ausschließlich der erst burlesken, dann anrührend komischen, schließlich nicht ganz tränenarmen Annäherung zwischen Axi und Shan, der Alten und der Jungen, der allein das große Versöhnungswerk gelingt: Versöhnung zwischen den Generationen, Versöhnung der alten Frau mit sich selbst und dem Altsein. Weshalb Axi schließlich aus freien Stücken umsiedelt in jenes Heim, in dem schon manche ihrer ehemaligen Nachbarn auf sie warten.Welchen Grund kann es geben, diesen Film zu sehen? Die Erkenntnis, daß der hierzulande bis zum Überdruß geläufige Generationenriß und die daraus folgende Atomisierung der Familie nun auch das sich dem Kapitalismus öffnende China erreicht hat, ist schnell abgehakt. Auch daß sich in China trotz der Allerweltsbilder globaler Gegenwart noch alte Herrschaftsstrukturen halten - einmal ohrfeigt die alte Mutter ihren erwachsenen Sohn vor fremden Gästen -, geht allenfalls als Exotikum durch. Der einzige, aber fraglose Reiz dieses Films ist Pan Yu selbst, die Schauspielerin, die dieser Figur alles gibt - von der guten Hexenmutter bis zur verbitterten Einsamen, von der tückischen Arbeitgeberin bis zur fernöstlichen Weisen, die denn doch in der Lage ist, die kleine Summe ihres Lebens zu ziehen. Wann zuletzt sahen wir eine alte Frau so rückhaltlos als Hauptdarstellerin im Kino? Eine, die nicht wie die "Titanic"-Rose sich ganz flink in das junge Mädchen zurückverwandeln muß, das sie mal war - nur damit wir ihr das Altgewordensein verzeihen?Und dennoch: arg schlicht, das. Zum Beleg seiner guten Wahl schiebt der Verleih nach, der Film habe beim Governmental Award des chinesischen Radio-, Film- und Fernsehministeriums gleich mehrere Preise gewonnen. Lorbeeren, die eher mißtrauisch machen in einer Zeit, in der die großen chinesischen Regisseure unvermindert mit Arbeitsbehinderungen und Zensur zu kämpfen haben.

Hackesche Höfe

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