Guy Braunstein spielt Brahms : Schamane und Geschichtenerzähler

Im dritten Teil seines Brahms-Zyklus zeigt Guy Braunstein: Es zahlt sich aus, beim Spielen ein Risiko einzugehen. Und Yulia Deyneka betört an der Bratsche.

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Guy Braunstein
Guy BraunsteinFoto: Ofer Plesser

Er trägt den prominentesten Namen auf dem Podium und führt auch sonst in jeder Hinsicht: Guy Braunstein, Ex-Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, dominiert das dritte Konzert aus seinem Zyklus mit den kammermusikalischen Werken von Johannes Brahms. Zum Glück. Eigentlich tun Platzhirsche Kammermusik ja selten gut, Braunstein aber ist keiner. Sondern einer, der diesen Abend im Kammermusiksaal mit widerspenstiger Lebendigkeit vorantreibt. Mit einer Rissigkeit, die seinen Partnern manchmal abgeht. Ätherisch dünn, licht, dann wieder schotterig und unstet flackert und irrlichtert sein Strich im dritten Streichquartett B-Dur op. 67. In einigen Passagen scheint er den Bogen nur sanft über die Saiten zu lüpfen, in anderen packt er griffig zu. Zvi Plesser am Cello und Rosanne Philippens (2. Geige) bleiben dagegen unscheinbar. Aber da ist ja noch Yulia Deyneka! Ihre Bratsche hat vor allem im dritten Satz – Agitato – einen großen Auftritt. Deyneka betört mit Weichheit und einem Melos, das Klangräume in der Tiefe öffnet.

Chezy Nir hat Mühe, seinem Horn elegischen Charakter einzuhauchen

Violine, Klavier und Horn: Eine mehr als ungewöhnliche und seltene Kombination. Vielleicht aus gutem Grund. Die Instrumente mischen sich nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie etwa bei einem Streichquartett. Brahms hat sein „Waldhorntrio“ Es-Dur op. 40 im Jahr 1865 komponiert und damit (auch) den Tod seiner Mutter verarbeiten wollen. Das Waldhorn hat er als Kind oft gespielt, in diesem Trio wird es für ihn zum Symbol der vergehenden Zeit, von Abschied und Vergänglichkeit. Chezy Nir hat Mühe, seinem Instrument diesen elegischen Charakter einzuhauchen. Recht forsch und voranpreschend tönt es und buttert Valentina Lisitsa am Klavier weitgehend unter. Und Rosanne Philippens bleibt – warum auch immer – viel zu defensiv, wagt nichts, hat nichts zu erzählen. Schade, denn eigentlich spielt sie makellos. Aber ein nur schöner Mensch hinterlässt eben auch nur ein Schulterzucken. Zum emotionalen Mittelpunkt des Stücks hin, dem dritten Satz, haben sich die Temperamente der Drei angeglichen. Dieses Adagio mesto gerät so gar nicht trauerdurchwoben, sondern eher wie eine geträumte Waldsequenz. So wird im Finale doch noch eine recht intensive Ménage à trois aus der Sache.
Zu Brahms’ erstem Klavierquartett g- Moll op. 25 kehrt Guy Braunstein zurück – und demonstriert erneut, dass Reibungen, Dellen und produktive Nachlässigkeiten ein Spiel nur interessanter machen können: ein Schamane und Geschichtenerzähler an der Geige. Valentina Lisitsa (in einem wallenden umstandkleidähnlichen Gewand) identifiziert sich vielleicht ein wenig zu sehr mit ihrem Klavierpart. Wie entrückt formen ihre Lippen – Bam, Bam, Bam – jeden Ton mit. Eine Macke, die der Süffigkeit ihres Anschlags aber eher zu Gute kommt. So erwächst vor den Ohren des Publikums kein grüblerischer, sondern ein sinnlicher, weltumspannender Brahms, der sich im finalen „Rondo alla zingarese“ zu Folklore auf höchstem Verfeinerungsniveau aufschwingt. Ein fulminanter Kehraus.


Teil IV des Brahms-Zyklus am Donnerstag, 31. März, um 20 Uhr im Kammermusiksaal

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