Kultur : György Konrad: Kosmopolit zwischen den Welten

Ulrich Deuter

Es herrschte Kaiserwetter, als am gestrigen Himmelfahrtstag der diesjährige Internationale Karlspreis an den ungarischen Essayisten und Romancier György Konrád verliehen wurde. In Anweisenheit des ungarischen Staatspräsidenten Ferenc Mádl, des deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau, des Vizepräsidenten des Bundestages, Rudolf Seiters, der Bundesminister Otto Schily und Ulla Schmidt sowie weiterer Zelebritäten aus dem In- und Ausland würdigte Laudator Roman Herzog die Entscheidung der Jury als eine "Entscheidung für ein Europa der Zivilcourage, der kritischen Intelligenz, des Nonkonformismus". Konrád sei zwar ein ausgewiesener Homo politicus, doch kein Politiker wie fast alle bisherigen Preisträger - eine Wende, die er ausdrücklich begrüße. Von Europa zu sprechen, bedeute heute meist, die Lingua oeconomica zu benutzen. Die Bereiche jenseits von Macht und Markt jedoch bewegten die Menschen längst mehr. Dafür stehe Konrád, ein "Kämpfer für die Freiheit", in dessen Denken ein Mensch im Mittelpunkt stehe, der niemandes Zweck sei.

György Konrad wurde am 2. April 1933 als Sohn eines jüdischen Eisenwarenhändlers im südostungarischen Berettyóújfalu geboren. Ein Großteil seiner Familie fiel dem Holocaust zum Opfer, er selbst überlebte in einem Budapester Rotkreuz-Haus, das unter Schweizer Patronat stand. Konrád studierte Literatur, Soziologie und Psychologie, sein Romandebüt gab er 1969 mit "Der Besucher". Die Studie "Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht" (1978), eine Kritik an der geistigen Zwangswirtschaft im Realsozialismus, trug ihm Verhaftung und zehnjähriges Publikationsverbot ein. Das Nachdenken über die Rolle der Intellektuellen bestimmte fortan seine Essays, darunter "Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen" (1985), und zog sich durch seine Romane, etwa "Der Stadtgründer" (1975), in dem er seine Erfahrungen im Budapester Kommunalplanungsbüro verarbeitete. Als Mitbegründer einer demokratischen Opposition in Ungarn entwickelte Konrád die Vision der Überwindung der beiden Nachkriegs-Blöcke vom von Jalta vergessenen "Mitteleuropa" aus, einem Standort, der mit der bevorstehenden Osterweiterung der bislang antlantisch ausgerichteten EU eine neue, brisante Bedeutung erhält.

In György Konráds Schaffen verbindet sich der Schriftsteller mit dem Essayisten und dem Politiker, als solcher gründete er 1991 die Bürgerrechtsbewegung "Demokratische Charta". 1990 wurde er als europaweit renommierter Schriftsteller Präsident des Internationalen PEN-Clubs (bis 1993), im Oktober 1991 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Weitere wichtige Romane aus seiner Feder sind die autobiografisch gefärbte Trilogie "Geisterfest", "Melinda und Dragoman" sowie "Der Nachlass" (1999) - Werke, die Herzog einen "subtilen Protest gegen Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art" nannte. Konrád lebt mit seiner Ehefrau Judit Lakner in Budapest, doch ist er seit seiner Wahl zum Präsidenten der Akademie der Künste Berlin/Brandenburg 1997 ein nicht mehr weg zu denkender Faktor auch im geistigen Leben Berlins. Mit der integrativen Kraft des Wanderers zwischen den Welten und dem Charme des osteuropäischen Juden beendete er den in der Akademie schwelenden Streit zwischen ost- und westdeutschen Mitgliedern.

Mit György Konrád ist zum ersten Mal ein Intellektueller mit dem Karlspreis ausgezeichnet worden, der seit 1950 jährlich verliehen wird. Von Anfang an stark mit dem Gedanken der europäischen Einigung verbunden, wurde der - lediglich mit 5000 Mark dotierte - Ehrenpreis bislang an Persönlichkeiten und Institutionen verliehen, die sich in jenem Sinne verdient gemacht hatten: darunter Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer und Jacques Delors - die Architekten der europäischen Integration. Seitdem haben beinahe alle wichtigen westeuropäischen Politiker die Auszeichnung erhalten, nach dem Fall der Mauer war es Václav Havel als tschechischer Präsident. Zum 50. Jubiläum des Preises 2000 zeichnete das Karlspreisdirektorium den amerikanischen Präsidenten Bill Clinton aus - einmütig, nachdem die Wahl Henry Kissingers 1987 wegen dessen Abrüstungsgegnerschaft zu einem Eklat im Auswahlgremium geführt hatte.

Der Kosmopolit Konrád, der in den vergangenen Jahren vielfach seine Stimme zu politischen und kulturellen Problemen erhob und etwa aus seiner Ablehnung des Nato-Einsatzes in Jugoslawien wie des Eisenman-Entwurfs zum Berliner Holocaust-Denkmal keinen Hehl machte, ist ein ausgezeichneter Repräsentant für eine längst überfällige Spektrumserweiterung des Karlspreises: weg von der politischen hin zur kulturellen Einigung Europas. In diesem Sinne forderte auch Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden in seiner Begrüßungsansprache energisch eine Stärkung der vernachlässigten europäischen Kulturpolitik. Konrád selbst, der sich zunächst "etwas merkwürdig in der hohen Gesellschaft der Staatschefs" fühlte, versteht die Auszeichnung als Bestätigung seiner Idee von Mitteleuropa.

In seiner Dankesrede nannte Konrád"die Herausbildung einer europäischen Nation am Ende des zweiten Jahrtausends nicht weniger bedeutsam als die Entstehung des christlichen Europas ausgangs des ersten." Dieser Prozess müsse nun den Osten weiträumig einbegreifen. Europa sei "ein Werk im Entstehen, schafft sich sozusagen selbst, dessen Triebfeder die Dialektik von Vereinigungs- und Vereinzelungsbestrebungen ist."

Er nehme den Preis "in selbstherrlicher Vertretung der Schriftsteller" des Kontinents an, denn Europa sei vereint gewesen, lange bevor die Politik dies institutionell nachvollzogen habe. "Was ist es, das Europa zusammenhält? In erster Linie die Kultur und ihre Künstler. Kapital und Wissenschaft lächeln der Zukunft zu, strömen ihr entgegen, wie immer es ihnen möglich ist. Die Bindung der Menschen an die Vergangenheit, an ihren Wohnort aber geschieht durch die Kunst." Jedoch warnte Konrád davor, diese politischen Institutionen gering zu schätzen, sie gewährten Sicherheit. Wenngleich seine Sympathie einer "driitten Sicht" gelte, "die sich auf die Verlierer unter den zum Sieg Entschlossenen richtet". In diesem Zusammenhang wies er auf die seiner Meinung nach bestehende Verantwortung Europa für den Balkankrieg hin, da es neu entstandene Staaten voreilig anerkannt habe.

Und dann erneuerte der Preisträger seine Kritik am Krieg der Nato gegen Jugoslawien: "Dass selbst ein Runder Tisch von demokratisch legitimierten Staatsführern irren kann, stimmt nachdenklich, insbesondere dann, wenn weder sie noch ihre Soldaten die Folgen ihres Irrtums am eigenen Leibe spüren, sondern Tausende von Unbeteiligten, deren Tod dann den Verlautbarungen zufolge lediglich zu den bedauerlichen Kollateralschäden zählt." Und weiter: "Auch dieses Mal gelang es nicht, den Konflikt der Ethnien mit Waffengewalt zu lösen. Man muss sich fragen, wie viele Menschen durch den Einsatz unserer vereinten Streitmacht gerettet wurden und wie viele ums Leben kamen." Auch wenn Konrád diesen Passus mit den versöhnlichen Tönen schloss: "Eines aber läßt sich zumindest sagen: Die Mitgliedstaaten der Union werden sich gewiß nicht gegenseitig bombardieren", und dies "eine große Sache nannte" - hier regte sich wieder der in letzter Zeit milde und staatstragend gewordene, einst aber äußerst streitbare Intellektuelle, dem es auf Wahrhaftigkeit und nicht auf Konsens ankam. Denn nicht zuletzt für die "Friedensoffensive" des Nato-Lufteinsatzes hatte vor zwei Jahren Tony Blair den Karlspreis an derselben Stelle wie jetzt György Konrád entgegengenommen.

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