Kultur : György Kurtágs: Der Enthaltsame

Volker Straebel

Oft vollzieht sich Musikgeschichte nicht in der Entwicklungslinie des Fortschritts, sondern sie schlägt Haken. Materialien und Verfahren, die als , verbraucht, dem innovativen Komponisten "verboten" erscheinen, werden in neuer Situation aufgegriffen und entfalten andere Wirkungen. Das Vorwort, das 1924 Arnold Schönberg der Partitur der "Sechs Bagatellen" für Streichquartett von Anton Webern beigab, lässt sich ohne weiteres auf jene Kompositionen György Kurtágs beziehen, in denen stärkstes Ausdruckswollen und äußerste Reduktion zu kaum einminütigen Miniaturen kondensieren: "Man bedenke, welche Enthaltsamkeit dazu gehört, sich so kurz zu fassen. Jeder Blick lässt sich zu einem Gedicht, jeder Seufzer zu einem Roman ausdehnen. Aber: einen Roman durch eine einzige Geste, ein Glück durch ein einziges Aufatmen auszudrücken - solche Konzentration findet sich nur, wo Wehleidigkeit in entsprechendem Maße fehlt."

Als Komponist extremer Konzentration erlangte Kurtág erst spät breitere Anerkennung. In den 80er Jahren erschien sein ausschließlich kammermusikalisches Oeuvre als Ruhepol in der Flut neuromantischer Orchesterschinken jener Zeit. Der Gestus von Innerlichkeit und unbedingter Subjektivität verband jedoch Kurtág mit jener Gegenwart und erleichterte den Zugang zu seinen Lieder-Zyklen, etwa den "Kafka-Fragmenten" op. 24 für Sopran und Violine (1985 / 86), in denen sich 40 Klangsplitter zu einer spannungsvollen Stunde reihen. Fast verdächtig musste es erscheinen, dass eine kaum der avancierten jüngsten Musik verpflichtete Institution wie die Berliner Festwochen Kurtág 1988 ein Komponistenportrait widmete und die Berliner Philharmoniker den Ungarn 1993 / 94 gar zum composer in residence bestellten. Tatsächlich tappte er mit der für die Philharmoniker komponierten "Stele" op. 33 in die Falle klanglicher Schwelgerei und unentschlossener Form.

Das 1989 uraufgeführte Streichquartett "Officium breve in memoriam Andrae Szervánsky" op. 28 verweist noch auf Kurtágs individuelle musikalische Entwicklung. In 15 sehr kurzen Sätzen zitiert es Weberns Klaviervariationen, die Ligeti, einst Studienkollege in Budapest, ihm schenkte und die Kurtág während seines Paris-Aufenthaltes 1956 / 57 analysierte. Dennoch klingt Bartók in herben Ein-Ton-Repetitionen an, Ligetis 2. Streichquartett ist nicht fern. So steht das Werk mit seinen Querverweisen für den gesamten Mikrokosmos Kurtágschen Musikdenkens. In Paris waren Stunden bei Milhaud und Messiaen ebenso wichtig wie psychologische Sitzungen bei Marianne Stein, die Wege aus dem kompositorischen Verstummen aufwiesen und zu künstlerischer Askese führten. Kurtág kehrte nach Ungarn zurück - er hatte Frau und Kind -, lehrte dort Kammermusik-Interpretation und Klavier. Komponisten zu unterrichten lehnt er ab, er weiß kompositorische Arbeit dem Unaussprechlichen nahe, weshalb auch Äußerungen zum eigenen Werk rar blieben. Er betonte einmal, dass er in dem Jahr geboren wurde, in dem Bartóks Klavierzyklus "Im Freien" entstand, 1926 im rumänischen Lugos nämlich. So entstehen künstlerische Korrespondenzen. Heute begeht Kurtág seinen 75. Geburstag.

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