Kultur : György Ligeti: 16 Töne pro Sekunde

Isabel Herzfeld

Während des Zweiten Weltkriegs bestand im rumänischen Siebenbürgen ein Numerus Clausus für jüdische Studenten - glücklicherweise, ist man versucht zu sagen, denn sonst hätte György Ligeti wohl, dem Wunsch des Vaters entsprechend, Physik studiert. So aber konnte er "nur" das Konservatorium besuchen. Dabei ist ihm die Liebe zur Wissenschaft geblieben, Motor unablässiger Erforschung der "natura sonoris". Er "schwärmt mit Präzision, ist ein penetranter Besserwisser und hört trotzdem nicht auf zu fragen", stellte Wolf Lepenies den "idealen Fellow" im Wissenschaftskolleg vor, der sich als "Anti-Akademiker" nie fest an eine Institution binden wollte.

Es blieb Ulrich Eckhardt vorbehalten, den seit 17 Jahren "schwebenden fellow" Ligeti für einen kontinuierlichen Aufenthalt nach Berlin zu locken, und folglich widmete dieser seinen Antrittsvortrag dem scheidenden Festspielintendanten. Darin gewährt der Komponist, der seit den 60er Jahren die Avantgarde-Szene immer wieder charmant brüskierte, faszinierende Werkstatt-Einblicke. Das berühmte Cluster-Stück "Atmosphères" verdankt sich eigentlich der Arbeit im legendären elektronischen Studio des WDR mit Karlheinz Stockhausen und Gottfried Michael König, als winzigen aneinander geschnittenen Tonbandstückchen die atemberaubendsten Klangwirbel entstiegen. Klang-Alchimie, Überlistung der Wahrnehmung. Ligeti behandelte die über 80 Einzelstimmen des Orchesters wie Sinusgeneratoren, erzeugte durch das "deterministische Chaos" winziger Abweichungen ein schillerndes Farbkontinuum. "Ich wollte eine Musik, die wie Wasser fließt, ohne Einschnitte und Zäsuren. Doch danach habe ich das Interesse an Schwebungsstrukturen verloren". "Continuum" für Cembalo reizt bereits Widersprüche aus: auf dem an sich diskontinuierlichen Tasteninstrument wird durch rasendes Tempo - 16 Töne pro Sekunde - der Effekt stufenloser Übergänge erzeugt, doch eher "wie ein Gitter, wie in der Op Art ein Muster, das stehen bleibt".

Ligeti liebt das Spiel mit Sinnestäuschungen, Perspektivwechseln, Komplexität, die wie unbeabsichtigt, quasi illusionär aus Überlagerungen relativ simpler Strukturen entsteht. Das alles bot ihm zu seinem Erstaunen afrikanische Musik, deren Muster der Musikethnologe Gerhard Kubick als "inherent patterns" charakterisierte, nicht mühsam ausgezählt, sondern wie eine Sprache von Kind an gelernt und gewusst. In seinen eigenen jüngsten Kompositionen erreicht Ligeti solche Vielschichtigkeit durch ein ausgeklügeltes Primzahlensystem, das etwa in seinen "Etüden" zu "zwei Geschwindigkeiten" gleichzeitig führt. Doch der Pianist weiß nichts davon - "er hört es, aber er spielt es nicht." Dabei muss auch alles in der Hand liegen, "die Tastatur wird mitkomponiert, die Klaviertechnik von Schumann und Chopin mit afrikanischen Rhythmen verbunden."

Um zu solchen Ergebnissen von berauschender sinnlicher Schönheit zu gelangen, muss Ligeti einfach alles wissen und können: mit genialen Strichen zeichnet er die afrikanischen Stammeswanderungen nach - "es gibt so wenig gute Geografen" -, sinniert über indonesische Einflüsse in Afrika, "auch wenn ich die indonesischen Dialekte nicht perfekt beherrsche", erklärt Denk-Gedichte und exotische Instrumente wie das Lamellofon. Schätze des leidenschaftlichen Wissenwollens breitet er aus, wenn er über Bilder spricht, die so anregend-verwirrenden Perspektivverschränkungen des Grafikers Maurits Escher oder den Stillstand, den die Farbbewegung Claude Monets bei Paul Cézanne findet. Genau das hat er komponiert, nicht ohne (selbst)ironisches Augenzwinkern. Das kann diese Stadt, die sich soeben anschickt, bierernst zu werden, nur zu gut gebrauchen.

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