Kultur : H. C. Artmann: Med ana schwoazzn dintn

Hans-Christoph Buch

"Die furcht, ein wertvolles instrument zu zerbrechen, liegt seit anbeginn in der musik," heißt es in einem unveröffentlichten Manuskript von H. C. Artmann, der mit 79 Jahren in Wien an Herzversagen starb. Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich ihm zum ersten Mal begegnet bin, vermutlich im Winter 1964 im Berliner Zimmer einer weitläufigen Wohnung über dem Kleist-Casino, einem von Hubert Fichte frequentierten Schwulenlokal, weiß nur noch, dass wir im Schnee Rosen niederlegten auf Kleists Grab, und dass ich mich auf Anhieb mit Artmann verstand, weil er trotz des erheblichen Altersunterschieds nicht gönnerhaft herabblickte auf die Nachgeborenen.

Als ich ihn später in Malmö besuchte, las er mir vor aus seinem in Entstehung begriffenen Buch: "Die Suche nach dem gestrigen Tag oder Schnee auf einem heißen Brotwecken", das ihn einem größeren Publikum bekanntmachte. Er kochte Kartoffelgulasch, das nie fertig wurde, und schleppte mich in einen Film, in dem eine Frau es mit einem Schäferhund treibt - keine Pornografie, sondern der Versuch eines schwedischen Regisseurs, Ingmar Bergman zu übertreffen. Artmann lebte damals äußerst bescheiden von den Honoraren, die ihm seine Übersetzungen spanischer Barockromane und der Balladen von Carl Michael Bellman einbrachten, aber als er mich kurz darauf in Kopenhagen besuchte, war er gekleidet wie ein britischer Landedelmann, mit roter Weste und Schottenmütze, die er dem schwarzen Butler, der ihm die Tür öffnete, schwungvoll überreichte, als sei er nichts anderes gewöhnt.

Artmann behauptete, alle Sprachen zu sprechen, besonders aber die skandinavischen, und knurrte, als man ihn auf den Straßen von Kopenhagen nicht verstand, in breitem Wienerisch: "Die sprechen a ganz a verdorbenes Dänisch hier." "Altritterlich" war das Lieblingswort des 1921 in St. Achatz am Walde geborenen Dichters Hans Carl Laertes Artmann, der sich nicht nur einen neuen Vornamen, sondern auch eine dazu passende Biografie erfand, in der die Information, dass er 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden war, wie ein Fremdkörper erschien; nur wenigen Auserwählten zeigte er die Feldpostausgabe des "Hyperion" - oder war es ein Krimi von Sherlock Holmes? - in der angeblich eine russische Kugel steckengeblieben war. Er trat in wechselnden Kostümen auf, als Baron Münchhausen oder Sir Phileas Fogg, Cagliostro oder Casanova, König Artus oder Graf Dracula - nur Graf Bobby war er nie, eher das Gegenteil, ein Bürgerschreck, der "med ana schwoazzn dintn" mehr als nur Wiener Mundartgedichte geschrieben hat. Nur einmal runzelte er missbilligend die Stirn, als ich ihm 1967 im "Tegernseer Tönnchen" beim Bier beichtete, dass es mir nach der Lektüre des "Kommunistischen Manifests" wie Schuppen von den Augen gefallen sei - wie immer hatte Artmann recht. Unsere Wege trennten sich, und als wir uns Jahre später wiedersahen, hatte er einen Fernsehfilm in Irland gedreht und redete in Gälisch auf mich ein. Ich revanchierte mich mit Kreolisch und Lingala, der Verkehrssprache am Kongo, die Artmann zu seinem Leidwesen nicht verstand, obwohl er leidlich Arabisch und ein paar Brocken Kisuaheli sprach. In den 80er Jahren besuchte ich ihn im Waldviertel, der Heimat von Adalbert Stifter, wo er, trotz seines Ruhms verarmt, in einem Kätnerhaus lebte und außer Kartoffelgulasch nur flüssige Nahrung zu sich nahm, die aus mehr oder weniger hochprozentigem Alkohol bestand.

Schon damals sah er aus wie einer, der nicht mehr lange zu leben hat, obwohl oder weil H. C. Artmann - das ist nur scheinbar ein Paradox - sich sofort um Jahrzehnte verjüngte, wenn er eine neue Versform entdeckte, die er in seinem polyphonen und polyglotten Werk noch nicht ausprobiert hatte: Limericks, Haikus, Ghaselen u. a. m. Es genügt, an dieser Stelle an die Kinderreime zu erinnern, die er unter dem Titel "allerleirausch" 1967 im Berliner Rainer Verlag veröffentlicht hat, oder an "Die Heimholung des Hammers", eine kongeniale Nacherzählung der Edda, die, illustriert von Uwe Bremer, 1977 im Ernst Hilger Verlag in Wien erschien. "The Best of H. C. Artmann" - so der Titel des 1970 von Klaus Reichert bei Suhrkamp edierten Sammelbands - ist eine Einführung ins Werk des Meisters. Artmann selbst bezeichnete sich in seiner Rede zum Büchnerpreis 1997 als "spätsterbender" Dichter des 20. Jahrhunderts, im Gegensatz zum frühverstorbenen Autor von "Dantons Tod". Zumindest diese Prophezeiung ist wahr geworden. "Der grenzgänger, er kann abstürzen und er kann weitergehen, die gratwanderung läßt beides zu." Mit diesen Worten verabschiedet sich der spät Gekrönte von seinem Publikum.

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