Kultur : Haackes Holztrog: Sieg gleich Niederlage

Andreas Blühm

Heute Nachmittag wird im Reichstagsgebäude das umstrittene Kunstwerk von Hans Haacke eingeweiht. Damit wird ein parlamentarischer Beschluss in die Tat umgesetzt. Allerdings ist es wenig wahrscheinlich, dass alle 669 Abgeordneten dem Auftrag des Künstlers nachkommen werden, Erde aus ihrem Wahlkreis mitzubringen, um so zur Realisierung seines Konzeptes beizutragen. Das wäre dann doch ein Novum: Die Volksvertretung unterstützt mit prozentualer Mehrheit ein Projekt, das dann selbst nur zu einem gewissen Prozentsatz vollendet wird. Machen die Vertreter der Minderheit, die nicht teilnimmt, Gebrauch von ihrem Persönlichkeitsrecht oder verhalten sie sich undemokratisch, weil sie sich dem Willen der Mehrheit nicht fügen?

Ein Blick zurück in die bewegte Geschichte der Kunstdebatten im Reichstag des Kaiserreichs relativiert die Angelegenheit. So neu ist die Obstruktion in Sachen künstlerischer Ausstattung des Parlaments nicht. Zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg gab es immer wieder Anlässe, um im Plenum über Kunst zu streiten.

Der Bau des Reichstages selbst und schließlich seine "Ausschmückung" waren während des gesamten Kaiserreichs ein Dauerbrenner. Die Debatten zur Ausstattung des Gebäudes waren politisch gewürzt. Noch vor der Wahl des Architekten hatte die Vorliebe für einen bestimmten Baustil die politische Richtung erkennen lassen. Einen Höhepunkt bildete die Diskussion um die Wahlurnen Adolf von Hildebrands und den Entwurf für ein Deckengemälde Franz Stucks im Jahr 1899. Letztere wurden vom Vorsitzenden der Zentrumsfraktion als "Schmiererei" und "Tintenklecks" bezeichnet. Ernst Lieber fand, dass der Fachausschuss, "Reichstagsausschmückungskommission" genannt, versagt habe, weshalb das Thema ins Plenum müsse. Stucks Malerei und Hildebrands Wahlurnen wurden schließlich abgelehnt. Ebenfalls an der Uneinigkeit des Parlaments scheiterten die geplanten Wandgemälde im Plenum. Bis zum Reichstagsbrand schauten die Abgeordneten auf drei große leere Flächen hinter dem Rednerpult, die vom Architekten für Malereien bestimmt waren.

Die Debatten des Kaiserreichs machen anschaulich, welche Irritationen das Verhältnis der Kunst zu einer gewandelten Öffentlichkeit hervorrufen kann. Die Künstler sahen sich nicht mehr einem individuellen Auftraggeber gegenüber, sondern einem Gremium, das undurchsichtige und komplexe Interessen vertrat. Die Ablehnung eines Entwurfes durch ein Individuum war eine ganz normale Angelegenheit gewesen. Nun wurden aber die Werturteile in die Öffentlichkeit getragen, ob es diese interessierte oder nicht. Jeder Zeitungsleser konnte zum Zeugen der Diskreditierung ehrenwerter Künstler werden. Hinzu kam, dass im Reichstag jedes noch so nachlässig ausgesprochene Wort protokolliert, gedruckt und damit gleich historisch wurde.

Hinter der bröckelnden Fassade der monarchischen Herrschaft im Deutschen Kaiserreich hatte sich der Pluralismus allmählich ein parlamentarisches Forum geschaffen. Dieser Pluralismus fand Ausdruck in öffentlichen Debatten, in der die Vielfalt des Geschmacks reflektiert wurde. Volksvertreter gaben dabei Ignoranz oder Kenntnis, Borniertheit oder Weltoffenheit kund. Bildende Kunst war und ist vielleicht sogar ein Thema, bei dem Abgeordnete freier als gewöhnlich ihre persönlichen Anschauungen offenbarten. Selbst die Fraktionsvorsitzenden nahmen regelmäßig an den Debatten teil. Die Öffentlichkeit und damit die Demokratie nahmen Besitz von der Kunst. Ein Ergebnis war, dass eine Mehrheit sich als noch nicht reif herausgestellt hatte, die Qualität moderner Kunst zu erkennen. Was wäre aber geschehen, wenn das Parlament ohne Aussprache und nur durch Kommissionsbeschluss die Wahlurnen von Hildebrand und die Deckengemälde von Stuck angenommen hätte? Vermutlich hätte zunächst kaum jemand davon Notiz genommen. Der Reichstag hätte dann eine von der Nachwelt gepriesene Entscheidung getroffen. Die Geschichte der Demokratie aber hätte einige ihrer reizvollsten Debatten entbehrt.

Heute ist die Avantgarde das Establishment, und ausgewählte Geschmacksrichter kauen den Parlamentariern vor, wovon sie etwas zu halten haben. Heute wie damals ist ein Großteil der Volksvertreter skeptisch gegenüber dem Neuen, selbst wenn es für die Eingeweihten wenig Neues beinhaltet. Heute mehr als früher haben die Abgeordneten Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, zumindest da, wo wenig Ruhm zu ernten ist. Als die Demokratie noch in den Kinderschuhen steckte, war die Kunst noch ein Thema hitziger Auseinandersetzung, die den Kern des parlamentarischen Selbstverständnisses berührte.

Heute wird dem Schöpferischen eine Sonderrolle zugebilligt, und Liberalität will man auch. Ein bisschen widerstreiten sich diese wohlgemeinten Prinzipien. Der Bildhauer Hildebrand fühlte sich als Opfer eines demokratischen Mehrheitsentscheids. Zeugt es also von Weltoffenheit, Kennerschaft oder aber von Indifferenz, dass mehrere Generationen später erst Christo und Jeanne-Claude und schließlich Hans Haacke eine parlamentarische Mehrheit gefunden haben? Ist eine Majorität der Abgeordneten endlich auf der Höhe der künstlerischen Entwicklung? Gert Weiskirchen (SPD) forderte in seiner Pro-Haacke-Rede im Bundestag, dass ein Kunstwerk stören muss. Wenn 260 Abgeordnete sich nicht gestört fühlten, zeigt das nicht, dass die zur Abstimmung gestellten Projekte in dieser Eigenschaft versagt haben? Müssten Christo, Jeanne-Claude und Haacke ihre parlamentarischen Triumphe nicht als Niederlage empfinden?

Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob der Mehrheitsbeschluss ein Qualitätsurteil ist. Was zählt ist, dass die Abgeordneten für die Ausführung gestimmt haben. Moderne Kunst und parlamentarische Demokratie sind selbstverständlich geworden. Wahrscheinlich sollte man den alten Zeiten mit ihren aufregenderen Reden deshalb auch nicht nachtrauern.

Wer kennt heute noch Eugen Bracht, Ludwig Dill und Gustav Schönleber? Für die Kritiker des Entwurfs von Hans Haacke kann es tröstlich sein, dass die im Kaiserreich erfolgreichen Reichstagskünstler heute vergessen sind, während der damals abgelehnte Bildhauer Hildebrand inzwischen zu den Größten seiner Epoche gezählt wird.

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