Kultur : Haackes neuer Hit in New York (Kommentar)

Robert Rimscha

Der Bundestag entscheidet bald, ob Hans Haacke sein Blumenbeet mit der Widmung "Der Bevölkerung" im Reichstag anlegen lassen darf. Da wäre ein Wort der Ermahnung angebracht. Die deutschen Bevölkerungsvertreter sollten nach New York blicken, wo ein künstlerischer Triumph stattfindet. Dort funktioniert gerade die Eskalation gegenseitiger Provokation, als lebten wir nicht in Zeiten von Gerhard Schröder und Stefan Raab, sondern unter Erich Honecker und Gerhard Löwenthal.

Und das geht so. Erst fand in New York die auch in Berlin gezeigte Brit-Pop-Kunstschau "Sensation" statt. Bürgermeister Rudy Giuliani sah in der mit Elefantendung bedachten Jungfrau Maria Blasphemie und drohte mit dem Entzug aller Steuermittel. Vor Gericht verlor er später. "Sensation" wurde zum Kristallisationspunkt einer Debatte über die Kunstfreiheit einerseits und die Frage andererseits, warum mit katholischen Insignien ein Schabernack getrieben wird, den jüdische oder islamische Symbole offenbar nicht erdulden müssen.

Nun beginnt am 23. März die Biennale neuer amerikanischer Kunst, die das New Yorker Whitney Museum veranstaltet. Hans Haacke, der deutschstämmige New Yorker, steuert "Sanitation" bei: Mülltonnen, aus denen Kriegs- und Marschmusik ertönt, dahinter prangt der erste Verfassungszusatz Amerikas, der die Rede- und Kunstfreiheit garantiert - und davor finden sich sechs Zitate in Fraktur-Schrift; drei davon stammen von Giuliani, die alle die Gegenwartskunst attackieren. Im Katalog schreibt Haacke: "Giuliani scheint einer Meinung mit den Nazis zu sein", weil er die Meinungsfreiheit und die Trennung von Staat und Kirche für steuerfinanzierte Kultureinrichtungen nicht gelten lasse.

Will man einen Politiker provozieren, sagt man "Nazi". Wie verteidigt man sich? Giuliani musste es nicht selbst tun. Zwei Whitney-Erbinnen haben verkündet, sie würden dem Museum aus dem Familien-Nachlass kein Geld mehr zukommen lassen. Begründung: "Verharmlosung des Holocaust." Wer Giuliani einen Nazi schimpfe, beleidige Hitlers Opfer, weil er ihr Leid trivialisiere. Gut gegen-provoziert!

Von "Sensation" zu "Sanitation" - erstaunlich, dass noch niemand Haacke des faschistoiden Einsatzes von Stabreimen beschuldigt hat. Der Schlingensief der Objekt-Kunst plant auch in Berlin, so muss vermutet werden, kein Blumenbeet, sondern eine Spirale. Wird "Der Bevölkerung" abgelehnt, kommt als nächstes das empörte Beet "Den Zensoren". Wollen das Ältestenrat und Plenum nicht angelegt sehen, dann wird eben der ganze Tiergarten zu "Den Nazis". Und Haacke wegen Verharmlosung der Shoah angezeigt. Eigentlich waren wir doch schon weiter. Clinton ist noch immer US-Präsident. Seine Gegner haben seinem Überleben das empörte Buch gewidmet: "Das Ende der Empörung". Wo nur ist das Ende?

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