Kultur : Haarfein gekrümmt

Galerie Krietemeyer: Zartes von Helga Edith Geng.

Michael Nungesser

Aus feinen Farbspuren ergeben sich schwebende Bilder, die dem Betrachter lichte Welten eröffnen, getragen von Träumen und Fantasien. Zeichnungen sind es, die hier auf der Fläche oder im Raum solche Wirkung erzielen – Zeichnungen, die das freie Linienspiel der klassischen Konturgebung vorziehen, ganz im Geiste von Paul Klee, der Zeichnen „die Kunst, Striche spazieren zu führen“ nannte.

Die 1971 in Berlin geborene und hier ausgebildete Künstlerin Helga Edith Geng verfolgt seit Jahren diesen Weg und gibt in der Galerie Thore Krietemeyer unter dem Titel „auf der stelle geht es nicht weiter“ einen Überblick über ihre Papier- und Raumarbeiten. Mit Buntstiften und Aquarellfarben kreiert sie, im Geiste von Informel und fernöstlicher Malerei, auf dem weißen Blatt in rhythmischer Bewegung dichte, wolkige Gespinste, geformt aus Strichen, ein jeder anders: kurz oder lang, haarfein oder breit, gekrümmt oder wellig, aufsteigend oder absteigend. Begleitet von poetischen Titeln wie „heute trägt die hoffnungslosigkeit ein grünes kleid“ ergeben sich vegetabile oder landschaftlich-atmosphärische, karthografische oder kosmische Assoziationen. Neben den großen, frei hängenden Blättern (5500-6500 Euro) steht die kleinformatige gerahmte Serie „täglich – par jour – daily“ (800-850 Euro) mit tagebuchartigen Stimmungsbildern. Das filigran-textile, körperhafte Element dieser Zeichnungen inspirierte die Künstlerin neuerdings zur Übersetzung in den Raum. Nun finden sich auf weißem Untergrund dreidimensionale Zeichnungen, die sich über die Fläche erheben und je nach Standpunkt unterschiedliche Konstellationen ergeben. Ausgeführt sind sie aus farbigem Peddigrohr, Bast und Flachshaar, deren Materialität gleichsam den Härtegraden der Buntstiftminen entspricht.

Von den „linien im selbstgespräch“ (750 Euro), die direkt auf der Wand angebracht sind, führt der Weg zu den großen Kompositionen „constant change but still the same“ und „ich verstreiche die zeit“ (je 7000 Euro), in denen Linien auch über den Holzgrund hinaus auf Wand und Decke greifen. Bei der letztgenannten Arbeit liegt ein Büschel aus farbigem Flachshaar wie eine Verankerung auf dem Boden – ein Hinweis auf die zukünftige Weiterverarbeitung. Parallel zur pulsierenden, ja atmenden Zeichenwelt von Helga Edith Geng steht die Kabinettausstellung „Colorfly“ von Daniel Robert, dessen stilllebenhaften Farbfotos (je 500 Euro) aus Tokio das zeichnerisch strukturelle Element im Medium des Lichtbildes zelebrieren. Michael Nungesser

Galerie Thore Krietemeyer, Großbeerenstr. 83; bis 31.8., Di–Sa 11–18 Uhr

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