Kultur : Haartolle rückwärts

Die Symphoniker aus Ankara eröffnen das Festival

NAME

Dreijährige können meist schon eine ganze Menge: sprechen, laufen und mit dem großen Löffel essen. Mit drei fängt also gewissermaßen der Ernst des Lebens an. Auch Berlins Sommerfestival Young Euro Classic geht in sein drittes Jahr. Nach dem Eröffnungskonzert mit dem Symphonieorchester des Staatskonservatoriums Ankara (Türkei) freilich ist man fast geneigt zu sagen: in sein verflixtes drittes Jahr. Denn auch wenn die Selbstbeweihräucherungen, die Loblieder auf die freie Wirtschaft, auf die erwachende Berliner Bürgergesellschaft und die ach so fröhlichen jungen Musiker zu Beginn schier kein Ende nehmen wollten: Der Hauptstadtkulturfonds, aus dem sich das Festival unter anderem speist, garantiert hier, wie Senatskanzleichef André Schmitz uncharmanterweise betonte, lediglich eine Anschubfinanzierung, keine Dauersubventionierung. Es könnten also Probleme auftreten.

Auch künstlerisch scheinen die Macher zum diesjährigen Auftakt eher schlecht als recht beraten. Verhieß schon die Uraufführung von Hans Schanderls Festival-Hymne „Salut au monde“ (nach Walt Whitman, ein blasses Irrlichtern von vier Bläsern) wenig Gutes, so präsentierten sich die jungen Türken anschließend in einer regelrecht desolaten Verfassung. Alles pastos, alles dickestmöglich aufgetragen, viele Patzer auch bei den Solisten – und kaum Geist, kaum Struktur. Ob dies nun an der schwer verdaulichen Kombination von Hindemith, Schostakowitsch und Strawinsky mit zeitgenössischer türkischer Musik lag, oder daran, dass sich die Ohren erst wieder an die miserable Konzerthaus-Akustik gewöhnen mussten – Ibrahim Yazici, der Dirigent, ließ in erster Linie seine schulterlange Lockenmähne sprechen. Bei den Schluchzern in Mahir Cetiz’ „Introduktion und Tango“ (2001), einer kitschverdächtigen Streicherstudie, hüpfte die Haarpracht also von rechts nach links; bei „Shades“ (2000), einem Symphonischen Gedicht von Ertug Korkmaz, erschauerte sie mal (süßlicher Cello-Singsang), mal peitschte sie wild durch die Lüfte. Zum viel bejubelten Ende hin aber, bei Strawinskys „Feuervogel“, stand das Haar – „fünffaches Fortissimo!!! Riesenritardandi! – nur mehr senkrecht im Raum. Zwischen den einzelnen Stücken übrigens gab’s, wie so oft bei Jugendorchestern, ausgiebiges Stühlerücken. Und zwei Hornisten, die vergessen hatten, dass sie gar nicht dran waren und umständlich hinaus rumpelten. Aber „Dreijährige“ müssen ja noch nicht alles können. Christine Lemke-Matwey

Konzerthaus, heute abend 20 Uhr: Italien

0 Kommentare

Neuester Kommentar