Kultur : Hab Dank für deinen Glauben, Mutter

Kirche, Küche, Kinderkram: Italiens Theaterberserker Pippo Delbono gastiert mit „Urlò“ in Berlin

Christina Tilmann

Ein Ruf wie Donnerhall eilt ihm voraus: Als Theaterberserker, Theaterzertrümmerer, Theatererneuerer wird der 45-jährige italienische Regisseur Pippo Delbono gefeiert, seit er 1987 mit „Die Zeit der Mörder“ die europäische Bühne betrat. Nun ist seine jüngste Produktion „Urlò“ (Der Schrei) nach der Weltpremiere in Avignon im Rahmen der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Und siehe: Es ist ein Schrei aus einer fremden Welt. Nicht nur, dass Delbonos Lieblingsgegnerin, die katholische Kirche, in Nordeuropa wenig präsent ist. Auch die furiose Mischung aus Groteske, Kabarett, Karfreitagsprozession und Kindergarten wirkt in ihrer überbordenden Fantasie für unsere Augen gewöhnungsbedürftig.

Auf der Bühne eine Barackenstadt, halb Favela,halb Strandparadies. Fellini lässt grüßen, wenn eine Schar Nonnen über die Bühne tänzelt, dazu ein überlebensgroßer Kardinal, und unter Aufsicht gibt’s ein Strandballett. Pasolini, mit dem sich Delbono schon 1995 in „La Rabbia“ auseinander gesetzt hat, stand Pate für eine Tischgesellschaft, die, die Augen mit weißen Tüchern verhüllt, sich gegenseitig füttern lernt. Und später, wenn ein Conferencier seine spärlich bekleideten Damen am Halsband herumführt wie Hunde an der Leine. Dazu noch eine lebendige Ziege auf der Bühne, später ein Fernsehballett, und als Star des Spektakels der taubstumme Bobò, abwechselnd als kleiner König, als Irrer in der Zwangsjacke und als Braut verkleidet.

Bunt ist dieses Theater, laut und grell – und oft drei Nummern zu groß. Maßlos die Wut, maßlos auch die Bilderflut, die Delbono auf die Bühne zaubert. Dass Obdachlose, körperlich oder geistig Behinderte, Laien und Tiere auf der Bühne ebenso ihren Platz haben wie der silberhaarige, silberzüngige italienische Filmstar Umberto Orsini, in dieser Überzeugung ist Delbonos Theater mit dem eines Christoph Schlingensief verwandt. Und auch in dem Wunsch, die Welt zu verändern. In den Favelas von Rio sei sein Stück besonders gut angekommen, erzählt der Regisseur im Gespräch. „Ungerechte Gesellschaft, gib uns zu essen“ singt die Volkssängerin Giovanna Marini am Ende des Abends, und Delbono beharrt: Doch, der Appell sei ernst gemeint, solange in Südamerika täglich 25000 Menschen an Hunger sterben. Und ebenso ernst gemeint wohl die Litanei, mit der „Urlò“ endet: Heilig das Blut, die Welt, du selbst, heilig der Schwanz, das Arschloch und AIDS, heilig die Mafia, und heilig vor allem Bobò im Irrenhaus. Und ein persönliches Schlusswort des Regisseurs: Mutter, danke für deinen Glauben.

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