Kultur : Habe nun, ach, den Faust gespielt

„Bruno Ganz/Behind Me“: ein poetisches Filmporträt

Rüdiger Schaper

Eine ehrfürchtige Symbiose: Drei Jahre lang hat der Schweizer Dokumentarfilmer Norbert Wiedmer den Schauspieler Bruno Ganz begleitet. Er ist ihm dabei nahe gekommen – indem er auf Distanz blieb. Keine biografischen Details, keine persönlichen Dinge. Und doch, was könnte intimer sein als eine Theaterprobe oder der stille Moment in der Garderobe; die Zweifel, das Kräftesammeln vor dem Auftritt. Die Schauspielkunst ist fragil; das ist der Grundton der poetischen Hommage: der Wahnsinnsakt des Mimen, ein anderer zu sein.

Die schwierige, schmerzhafte „Faust“-Erfahrung zieht sich als Leitmotiv durch den filmischen Essay. War die Tour de force des 21-stündigen „Faust“ in der Regie von Peter Stein, dem Ganz Jahre seines Lebens widmete, ein gigantisches Missverständnis? Es ist der Schauspieler selbst (Wiedmer folgt ihm in ein schweizerisches Rundfunkstudio), der hier plötzlich einen großen Satz beinahe gelassen ausspricht: dass er mit dieser Figur, mit dem Goetheschen Faust, nichts zu tun habe. Dass er, Bruno Ganz, gar kein faustischer Typ sei.

In einer anderen Szene, in einem anderen Studio, erlebt man Ganz bei der Aufnahme einer CD mit Gedichten von Giorgios Seferis und T. S. Eliot. Man hört ihm zu, man schaut in dieses Gesicht, in dem Trauer und Verschmitztheit und diese zarte Sturheit so dicht beieinander liegen. Man sieht Ausschnitte aus morbiden Spielfilmen („Heller Tag“ und „Der Erfinder“), und man kehrt in diesen 85 Minuten einer Zeitreise, die im Kreis herumführt, mit Bruno Ganz auch immer wieder nach Venedig zurück, wo er eine Wohnung ausbaut und wo sein wunderbarer Film „Brot und Tulpen“ spielt. Bilder vom Wasser, von Booten, von leeren Häusern, fahle Bilder der Vergänglichkeit. Das Licht, das Tempo, die Stimme, der Schnitt, das Ringen um die klassische Literatur: Alles an „Bruno Ganz/Behind Me“ (der Titel ist ein Hamlet-Zitat) scheint einer naturgewaltigen Melancholie anheim zu fallen.

Bei wenigen Gelegenheiten löst sich der Film aus seiner passiven Anschauung. Bruno Ganz nimmt selbst die Kamera in die Hand. Der Schauspieler geht mit der Fotografin Ruth Walz, seiner Lebensgefährtin, ins Archiv, die beiden betrachten alte Bilder, die Theatergeschichte sind: Ganz mit Klaus Michael Grüber, mit Botho Strauß im Ristorante, mit Peter Handke beim Wandern. Schnell ist das Album wieder zugeklappt. Und man wünschte sich doch mehr – von Bruno Ganz und seinen vielen, großen Rollen, die ihm näher waren als der Faust. „Behind Me“ erzeugt einen dunklen Sog. Es wird so viel verhüllt wie offenbart. Der Film stimmt einen trist – als wär’s ein Requiem für ein Theater, das der Vergangenheit angehört.

In Berlin in den Kinos Filmbühne am Steinplatz und Hackesche Höfe

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