Kultur : Habe nun, Krach!

Gretchen ist des Pudels Kern: Michael Thalheimers furioser „Faust“ am Deutschen Theater Berlin

Rüdiger Schaper

Am Schluss riskieren sie sogar noch einen Abstecher in den zweiten Teil: „So bleibe denn die Sonne mir im Rücken.“ Weiter, immer weiter durch die leere Welt, den entvölkerten Himmel. Der Mensch Faust hat das erste und das letzte Wort; keine Stimme, die von oben tönt. Für Gretchen gibt es keine Rettung. Man sieht am Deutschen Theater, kraftvoll und intelligent hingeworfen von Michael Thalheimer: die reine Tragödie.

Gestrichen: Zueignung, Prolog im Himmel, Vorspiel auf dem Theater. Abgeworfen: Walpurgisnacht, Hexenküche. Auerbachs Keller: hat Ruhetag. Und Binnenstriche noch und noch. „Faust“, Teil eins, im rasenden Stillstand von zwei Stunden. Dieser „Faust“ erwischt die kulturpolitischen Strategen, die das DT für einen Saftladen halten und nach einer neuen geistigen Führung rufen, wie ein Volltreffer. Man soll eine einzelne Premiere nicht instrumentalisieren. Thalheimers einschneidende Klassiker-Inszenierungen waren zuletzt auch eher misslungen – gemessen an der triumphalen „Emilia Galotti“, mit der Bernd Wilms vor drei Jahren seine Intendanz eröffnete. Aber vor allem eines demonstriert der neue Berliner „Faust“: Es geht nicht um Intendanten, Schriftsteller oder Kultursenatoren. Es geht um Schauspieler. Um das Ensemble.

Dies ist ein Goethe für Schauspieler. Ingo Hülsmann: ein angenehm junger, blanknerviger Faust. Sven Lehmann: Auch dieser virile Teufel könnte noch die Gesichtskontrolle vor einer Diskothek passieren. Die wunderbare Regine Zimmermann: Ihr Gretchen ist einmal kein Dummerchen, sondern eine Frau, die man ernst nimmt in Goethes schwadronierender Männerwelt. Ein Wiedersehen mit dem Trio infernale der „Emilia Galotti“. Der Ton ist jetzt rauer, die Umgangsart härter. Weniger manieriert.

Michael Thalheimer und sein Dramaturg Oliver Reese befreien die Dichtung Goethes vom untheatralischen Ballast. Sie finden das Stück, das Drama, das der Geheimrat hinter endlosen Präliminarien, Intermezzi und all der retardierenden Fantastik verbarg. Goethe-Puristen kamen bei Peter Steins ungekürztem „Faust“-Marathon auf ihre Kosten. Die Fassung des DT – sie bewegt sich in Richtung „Urfaust“ – stellt den Koloss vom Kopf auf die Füße. Mit sieben Schauspielern zieht die Regie ihre Sache konsequent durch. Manch einer mag sich erinnern an Klaus Michael Grübers Geniestreich vor 22 Jahren. Damals standen ganze drei schwankende Gestalten auf der Freien Volksbühne; Bernhard Minettis greiser Faust, Peter Fitz’ Mephisto und ein blutjunges Gretchen am Rande des Verstummens und Verschwindens.

In der Gretchen-Geschichte entdeckt Thalheimer des Pudels Kern. Sie nimmt das Zentrum ein – und nicht die beiden Herren mit ihrer berühmten Wette, wie man es sattsam kennt. Immer schon beschlich einen der Verdacht, dass dieser verzweifelte Gelehrte namens Faust in seiner deutschen Studierstube Luxusprobleme wälzt. Der Teufel schiebt seinem Schützling gebratene Tauben in den Mund, er jettet mit dem ewig Unzufriedenen durch die Welt, besorgt ihm Drogen – und tiefere Einsicht in Mythologien und Kulturen, als je ein Sterblicher gewann. Der Preis dafür: geschenkt!

Zur Abwechslung wird Faust auf Diät gesetzt. Ingo Hülsmann steht, „ich armer Tor“, wie angewurzelt an der Rampe. Er schweigt ins Publikum hinein. Hat er dann einmal den Mund aufgemacht, so rauscht sein Monolog glatt durch bis zum Osterspaziergang, und darüber hinaus. Rührt sich nicht von der Stelle, dieser verbogene, kräftige, gut aussehende, eitle Kerl. Kaut seine Verse widerwillig, wütend, trotzig. So einer liebt doch nur sich selbst. Hülsmann führt die Faust-Figur gleichsam an der kurzen Leine spazieren. Gleich könnte er Hamlet sein oder der standhafte Prinz Calderóns.

Faust leidet an der Redekrankheit, chronischer Fall von Logorrhöe. Der unbedarfte Famulus Wagner (Peter Pagel), der fahrende Schüler (gespielt vom alten Horst Lebinsky, eine nette komische Einlage): Sie ziehen achselzuckend ab. Anfangs schleicht sich auch Sven Lehmanns Teufel wie eine sogleich abzuservierende Nebenfigur von der Seite an. Schließlich überwindet er sich, hält rhetorisch dagegen. Im Grunde hat man es bei diesem Mephisto mit einem Schweiger zu tun. Er quatscht, er rattert nur, weil er als Mensch unter Menschen auftreten muss.

Es gibt, wie häufig bei Thalheimer, zwischen den beiden Männern einen magischen Moment des Erkennens. Sie sehen einander nicht an, sie riechen sich; nachher hocken sie am Boden wie Max und Moritz, Streiche ausheckend. Eine Stunde lang verharrt Faust mit seinem Anhang vor dem finsteren, rotierenden Zylinder der Bühne (wie immer bei Thalheimer von Olaf Altmann). Licht bricht durch die Ritzen. Der halbe erste Teil des Faust ist hier: ein Vorspiel. Auf dem Theater. Bevor das Drama beginnt. Die Gretchen-Qual. Für sie öffnet sich die schwarze Trommel. Der Blick fällt hoch oben auf ein Kruzifix, darunter steht Gretchens Bett, wie in einem Kirchenschiff. Das Liebeslager. Nachher: ihr Kerker.

Fausts Verwandlung, seinen Ausbruch aus der Welt des „Habe nun, ach“, besorgt Deep Purples Hymne „Child in Time“. Hülsmann tanzt ab, spielt Luftgitarre, aber es ist kein lächerlicher, vielmehr ein erhabener Moment. Laute Rockmusik ist des Teufels. Und Deep Purple ist uns ebenso ein Klassiker wie Goethe.

Emilia kam aus der Tiefe des Raums. Gretchen, nein, Margarete läuft parallel zur Rampe. Wieder, sehr viel heftiger, der fatale Moment des Sich-Erkennens. Es gibt einen Bruch in der Aufführung, er scheint gewollt. Die Bühne weit offen, wie Margaretes Augen. Und so ergreifend einfach, wie Regine Zimmermann „Meine Ruh ist hin“ und „Es war ein König in Thule“ spricht, hat man die Verse kaum gehört. Vor der Liebesnacht mit ihrem Heinrich explodiert sie. Stellt die Gretchenfrage sechsmal! „Glaubst du an Gott?“ Sie bringt Faust – uns alle – in Erklärungsnot.

Sie kriecht, blutverschmiert, wie in einem Stephen-King-Film, aus den weißen Laken hervor. Sweet Child in Time. Kindsmörderin. Blut klebt an der Freizeitkleidung der Heldenlarven (Kostüme: Michaela Barth). Eigentlich könnten Faust, Mephisto, Margarete und die einsame, reizend verlegene Marthe Schwerdtlein (Isabel Schosnig) gemeinsam essen oder tanzen oder ins Kino gehen. Zwei hübsche Paare, hier und jetzt. Doch sie finden sich in einem Klassiker wieder, im blanken Horror. So nah liegt das beieinander. Fun und „Faust“. Goethe und Gegenwart.

Wieder am 23., 24., 30. und 31. Oktober.

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