Kultur : Habemus Brown

Eine

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LESUNG von Patricia Wolf

Die ganze Welt schaut auf den Vatikan – in Dan Browns Thriller „Illuminati“. Darin bedroht während des Konklave ein Geheimbund aus Freidenkern nicht nur den Vatikan mit einer Bombe aus Antimaterie. Die PapstFavoriten werden auf bestialische Weise ermordet. Held und Retter ist der Harvard-Professor Robert Langdon, Spezialist für religiöse Symbolik. Allein in den USA hat sich der Thriller mehrere Millionen mal verkauft.

Das heißt aber auch, dass viele Millionen Menschen beispielsweise nicht nur gelernt haben, dass Bernini einer der einflussreichsten Baumeister im Rom des 17. Jahrhunderts war, sondern auch, wer vor der Verkündigung eines neuen Papstes während der Sedisvakanz die Geschäfte führt: der camerlengo, der Kämmerer. Günther Jauch könnte Vatikan-Fragen derzeit in der 100-Euro-Zone ansiedeln. Keiner müsste passen.

Ebenso sind Browns Leser bestens informiert über das Procedere beim Konklave, bei dem die Wahlzettel auf einer Schnur aufgereiht verbrannt wurden. Ratzingers Wahl zum Papst wurde auch deshalb mit gesteigertem Interesse verfolgt, weil Millionen durch die Dan-Brown-Lektüre Einblick in eine Welt haben, die ihnen zuvor nicht hätte fremder sein können. Und die sich womöglich mit Schaudern fragen, ob sich nicht auch bei der realen Wahl ein ähnlich apokalyptisches Szenario hätte entspinnen können.

Wer in diesen Tagen durch Rom wandelt, zu den Schauplätzen des Romans wie der Piazza Navona oder dem Petersplatz, dem fällt auf, wie viele Menschen sich, gewappnet mit „Illuminati“ oder „Angeli e demoni“, so der italienische Titel, auf die Spuren von Robert Langdon begeben. Wer dies lieber in Gesellschaft tut und bereit ist, zwischen 50 und 75 Euro pro Person zu bezahlen, kann sich einer Führung anschließen. Und wer nicht wie Robert Langdon per pedes von Kirche zu Kirche hetzen, sondern entspannt durch die Ewige Stadt chauffiert werden will, den kostet der Spaß 200 Euro.

Sollte der Forscherdrang noch nicht gestillt sein, lässt sich erkunden, inwiefern Dan Brown vielleicht bei André Gide abgeschrieben hat. Den Auslöser für Gides groteske Romanspielerei „Die Verliese des Vatikan“ aus dem Jahr 1914 liefert ein Gerücht, dass Papst Leo XIII. von Freimaurern entführt worden sei und in den Gewölben des Vatikan festgehalten werde. Doch das ist auch schon die einzige Parallele. Gides Buch ist literarisches Vexierspiel – es setzt eine gewisse Bildung voraus und ist ganz das Gegenteil von Brown. Dessen Wälzer funktionieren wie kunst- und religionsgeschichtliche Crash-Kurse. Sind wir plötzlich nicht alle unglaublich illuminiert?

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