Kultur : Habemus Pappnas

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute Abend, 23.30 Uhr, Gäste sind u.a. Feridun Zaimoglu und Henning Mankell).

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Dr. Ankowitschs Kleines Universal-Handbuch"
10) Christian Ankowitsch: Dr. Ankowitschs Kleines Universal-Handbuch (Eichborn Verlag, 176 S., 14,95 €)

Ein Buch, aus dem man erfährt, mit welcher Wahrscheinlichkeit man welche Geschmacksrichtung in einer Tüte Gummibären erwischt. Allzu oft verlässt sich Ankowitsch aber auf die Komik seiner Gegenstände, ohne durch exakte Recherche jenen Mehrwert zu erzeugen, der die Lektüre solcher Bücher erst zum Vergnügen macht. Mit anderen Worten: Ankowitsch lässt einen meist dann im Stich, wenn man es genau wissen will. Im Vergleich zu Ben Schotts fein komponierten Sammelsurien nimmt sich sein Handbuch deshalb aus wie Truckstop zu Johnny Cash.

 Zum Thema Online bestellen: "Die kürzeste Geschichte der Zeit"
9) Stephen Hawking und Leonard Mlodinow: Die kürzeste Geschichte der Zeit (Deutsch von Hainer Koba, Rowohlt Verlag, 192 S., 19,90 €)

Stellen Sie sich ein Zwillingspaar vor, von dem der eine sein ganzes Leben auf einem Berggipfel verbringt, der andere auf Meereshöhe. Am Ende würden diese Zwillinge aufgrund der unterschiedlichen Gravitationsverhältnisse unterschiedlich alt sein. Warum das so ist, erfahren Sie aus dieser leicht fasslichen Einführung in unser Universum.

 Zum Thema Online bestellen: "Das Dreieck des Lebens"
8) Uwe Karstädt und Horst Janson: Das Dreieck des Lebens (Titan, 272 S., 24,80 €)

Der Heilpraktiker Uwe Karstädt behauptet, eine Art Wundercocktail gegen Alter und Krankheit erfunden zu haben, bestehend aus Vitamin B6, Folsäure sowie Vitamin B12. Ich persönlich bin schon als kleiner Junge in einen Topf mit diesem Zaubertrank gefallen und kann ihn als Allheilmittel gegen abstehende Ohren, Übergewicht und Haarausfall – anders als diese Dr.-Eisenbart-Fibel – nur empfehlen.

 Zum Thema Online bestellen: "Mein Leben mit Mozart"
7) Eric-Emmanuel Schmitt: Mein Leben mit Mozart (Deutsch von Inés Köbel, Ammann Verlag, 144 S., 19,90 €)

Eric-Emmanuel Schmitt schreibt Briefe an Mozart mit Nachrichten darüber, wie ihm Mozarts Musik geholfen hat, schwierige Situationen in seinem Leben zu meistern. Gewisse Selbstzweifel bei der Niederschrift dieses kitschigen und läppischen Machwerks sind den Autor offenbar selbst überkommen. „Lieber Mozart“, schreibt Schmitt auf Seite 123, „Du bist mit fünfunddreißig Jahren gestorben. Ich bin heute fünfundvierzig. Habe Dich also bereits überlebt. Wozu?“ Ja, wozu? Ich weiß nicht, was der freundliche Mozart Monsieur Schmitt empfehlen würde, ich empfehle, es mal mit etwas anderem als Schreiben zu versuchen.

 Zum Thema Online bestellen: "Der kleine Medicus"
6) Dietrich Grönemeyer: Der kleine Medicus (Rowohlt, 360 S., 22,90 €)

Menschen ohne Unterleib kannte ich bislang nur als Jahrmarktsattraktion. Dietrich Grönemeyer fügt der Welt der anatomischen Wunder nun eine neue Variante hinzu: Weder Penis noch Vagina werden in Grönemeyers Streifzug durch die Körperwelt erwähnt, im Register seines Romans für junge Leser kommen die Buchstaben P und V gar nicht erst vor. Offenbar ein Aufklärungsbuch für den amerikanischen und arabischen Markt.

 Zum Thema Online bestellen: "Nichts ausgelassen"
5) Heiner Lauterbach: Nichts ausgelassen (Droemer Verlag, 448 S., 19,90 €)

„Für meine jungen Jahre verfügte ich tatsächlich über ein außergewöhnliches Talent“, schreibt der Schauspieler in seinen Memoiren. So gnadenlos selbstkritisch geht Lauterbach in diesem verquatschten Buch keineswegs immer mit sich ins Gericht. Dafür hat er einen eigenartigen Hang zu Tier-Metaphern: Seine derzeitige Frau nennt er gleich zweimal eine „kleine Löwin“, sich selbst vergleicht er mit einem „kleinen Stier“. In seiner dreisten Geistfeindlichkeit und seiner üblen Anbiederung an die „Bild“-Zeitung kam mir dieses Buch eher vor wie die Autobiografie einer kleinen Raupe Nimmersatt.

 Zum Thema Online bestellen: "Wiedersehen in Barsaloi"
4) Corinne Hofmann: Wiedersehen in Barsaloi (A1 Verlag, 236 S., 19,80 €)

Die Urangst der Frau vor der Fremde ist das eigentliche Thema von Corinne Hofmann. Ihre Bücher über ihre kurze Ehe mit einem Massai in Kenia halten für ihre meist weibliche Leserschaft die frohe Botschaft bereit: Naja, ganz so schrecklich ist mein Mann und seine Familie nicht. Weil „Wiedersehen in Barsaloi“ aber nur die schwache Fortsetzung einer an sich schon überflüssigen Fortsetzung ist, sollte man sich dieses Buch schenken.

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3) Lars Brandt: Andenken (Hanser Verlag, 160 S., 15,90 €)

Der Sohn von Willy Brandt erinnert sich an seinen fernen Vater. Auch wenn die schöne Sprache, in der die wie hinaquarelliert wirkenden Anekdoten erzählt sind, „Andenken“ himmelweit über den Schund auf dieser Bestsellerliste hinaushebt, bleibt doch ein zwiespältiger Eindruck: Ein Porträt von Willy Brandt gelingt diesem Erinnerungsbuch nicht, bestenfalls ein Schattenriss.

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2) Eva-Maria Zurhorst: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest (Goldmann Arkana, 382 S., 18,90 €)

Ihre Theorie, wonach wer mit sich selbst im Reinen ist, seine Erlösungssehnsüchte nicht mehr auf seinen Ehepartner richten muss, begründet die Autorin mit den Worten: „Dies hat die Natur so angelegt.“ Nun ist aber anders als bei Bienen und Blümelein die Institution der Ehe nicht ein Produkt der Natur, sondern der Kultur, und einem Beziehungscoach, dem das nicht klar ist, sollte man so viel Vertrauen entgegenbringen wie einem blinden Fluglotsen.

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1) Peter Hahne: Schluss mit lustig (Johannis, 128 S., 9,95 €)

„Holt Gott zurück in die Politik!“, fordert Peter Hahne in seiner wirren Streitschrift wider den Atheismus und die Achtundsechziger. Das ist in etwa so erfolgversprechend, als würde man Jürgen Klinsmann auffordern, Uwe Seeler zurück in die Nationalmannschaft zu holen. Komik und Tragik Peter Hahnes bestehen darin, dass er just das verkörpert, was er am meisten angreift: die deutsche Spaßkultur. Habemus Pappnas!

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