Kultur : Haben wollen

„Wer ist der Hengst im Stall? Darum geht es den Sammlern“ Eine Berliner Tagung sucht den Sinn des Sammelns

Simone Reber

Die Jäger hatten die Rechnung ohne das Wild gemacht. Es waren die Künstler, die bei diesem Symposion des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Klartext redeten und das Bild vom edlen Sammler zurechtrückten. Ironisch führte Thomas Rentmeister dem Publikum im voll besetzten Saal der Akademie der Künste vor, welche seiner Werke sich nur schwer verkaufen ließen. Ein Kunststoffregal etwa, das er mit Nutella beschmiert hatte. Dabei rieche Nutella auch nach sieben Jahren noch frisch. Auch der altwilde Berliner Maler Salomé zeichnete in der Abschlussdiskussion der mit „Jäger und Sammler“ passend überschriebenen Tagung den Kunstkäufer nicht als den Kulturhelden der Gegenwart. Da ginge es darum, „zehn oder siebzig Millionen auszugeben, damit ich der Hengst im Stall bin“.

„Wer entscheidet über das kollektive Gedächtnis“, formulierte Akademiepräsident Klaus Staeck als Gastgeber die Fragestellung. Unlängst hatte Chris Dercon, Direktor des Münchner Hauses der Kunst, davor gewarnt, dass sich der Staat aus der Verantwortung für die öffentlichen Bestände zurückziehe. Während die Kuratoren der Unternehmenssammlungen, in denen sich immense Kunstbestände befinden, als zahme Jäger auftraten, vermittelte der Großsammler Erich Marx etwas von dem Energiepotential, das augenblicklich die Museen beunruhigt: Liebe, Triebe, Gier. „Haben wollen“, nannte Marx das. Zeigen wollen kommt wohl dazu, seit 1996 hängt seine Sammlung im Hamburger Bahnhof. Erich Marx regte einen Collectors Club an, der jungen Sammlern Räume zur Verfügung stellen solle. Ihm schwebt eine Kombination mit der Berliner Kunsthalle vor. Seit kurzem habe er einen Plan in der Tasche, verriet er. Die Ankündigung kam wohl nicht zufällig eine Stunde bevor ein anderer Sammler – Dieter Rosenkranz – auf dem Schlossplatz die Fassadenbemalung der von ihm finanzierten temporären Kunsthalle einweihte. Sammlern empfahl der Geschäftsmann Marx als günstige Gelegenheiten: Erbfälle und Scheidungen.

So können Museen sicherlich nicht agieren. Durch die Preisexplosion am Kunstmarkt sind sie kaum mehr konkurrenzfähig. „Ich beneide die Privatsammler“, gab Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhofs, offen zu. Der Sammlungsauftrag der Museen sei ein historischer und ein utopischer – das klang nach Last und nicht nach Lust. Dabei offenbarte sich für Beobachter dieser Tagung kein Gegensatz zwischen privaten Sammlern und öffentlichen Museen. Die Privatsammler sind wendig und haben Geld. Die Museen verfügen über die Expertise. Ihr größtes Kapital aber ist die Zeit. Für Erich Marx soll die Sammlung Bestandteil der Kunstgeschichte sein – das geht nur im Museum. In der Hitze des Marktes wird leicht vergessen: Das kollektive Gedächtnis ist ein ziemlich langsam arbeitendes Organ. Simone Reber

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