Habermas : Wenn du wüsstest, was ich denke

Die Biowissenschaften und ihre Herausforderung: Wie Jürgen Habermas Geist und Natur versöhnt.

Wolfgang Welsch

Vor fünf Jahren, zu einer Zeit, als neunmalkluge junge Philosophen eine vorgebliche „Deutungsmacht der Biowissenschaften“ attackierten, nahm Jürgen Habermas in der seit langem schwelenden Debatte um die Naturalisierung des Geistes in dem Aufsatz „Freiheit und Determinismus“ souverän Stellung. Nicht ob eine Naturalisierung des Geistes – seine Auflösung als selbstständige Größe durch materiell erklärbare Phänomene – angezeigt sei, sondern worin die richtige Weise einer solchen Naturalisierung bestehe, sei für ihn die Frage.

Habermas unterlief den auf den ersten Blick einleuchtenden Gegensatz von Geist und Natur durch eine evolutionistische Erklärung des Dualismus zwischen der Innenperspektive der Selbsterfahrung und der Außenperspektive der naturwissenschaftlichen Erklärung.

Diese beiden Erkenntnisformen stehen einander heute hart gegenüber. Man kann nicht die eine einfach zugunsten der anderen auflösen. Aber vielleicht ist diese Doppelperspektive im Verlauf der Evolution entstanden? Dann könnte das Verständnis ihrer evolutionären Herkunft uns aus der gegenwärtigen Klemme heraushelfen, in der viele nur einen unüberwindlichen Dualismus erkennen.

Der Anfang der Dualität liegt darin, dass wir verstehen, was ein Artgenosse denkt oder fühlt oder beabsichtigt. Bei derlei mind-reading taucht die Innenperspektive einer Person in der Fremdperspektive einer anderen auf. Subjektive Erfahrung und objektivierende Betrachtung treten auseinander. Diese Dualität setzt sich in der Bezugnahme auf Gegenstände fort. Die subjektiven Perspektiven werden intersubjektiv abgeglichen, dadurch entsteht eine objektive Betrachtungsweise der Welt. Damit ist der Dualismus von Selbsterfahrung und Gegenstandserkenntnis etabliert.

Eine solche Doppelperspektive ist offenbar typisch für die kulturelle Existenz des Menschen. Als Kulturwesen sind wir eigenständige subjektive Beobachter und vor allem intersubjektiv integrierte Teilnehmer. Sobald Menschen beide Erkenntnisformen beherrschen, können sie auch Intentionen, die in kulturelle Artefakte eingegangen sind, aus diesen gleichsam wieder herauslesen, also aus objektiver Fremdperspektive eine subjektive Eigenperspektive erschließen – eine wichtige Fähigkeit beim Hineinwachsen von Individuen in die sie umgebende Kultur.

Wenn nun, nach einigen Schritten der kulturellen Evolution, die Sphäre der Kultur (der „objektive Geist“) einigermaßen reichhaltig geworden ist, dann werden Individuen beim Hineinwachsen in diese kulturelle Welt auch eine entwickeltere Form der Erste-Person-Perspektive ausbilden: einen „subjektiven Geist“, der mit Gründen zu argumentieren versteht.

Das menschliche Gehirn ist also nicht nur ein Apparat, der kulturelle Gehalte zu schaffen und zu erschließen vermag, sondern unser Gehirn wird umgekehrt während des Hineinwachsens in die Kultur schon durch kulturelle Strukture, durch Muster des objektiven Geistes geprägt. So ist das menschliche Gehirn nicht einfach eine naturwissenschaftliche Gegebenheit, sondern zugleich ein geistgeprägtes Produkt. Und das schon auf seiner physikalischen beziehungsweise neurologischen Ebene, nämlich in seiner Verschaltungsarchitektur, wie der Neurobiologe sie untersucht – und die er doch, wenn er den (naturwissenschaftlich ungewohnten) Aspekt ihrer Prägung durch den objektiven Geist außer Acht lässt, nicht zureichend begreifen wird. Das Gehirn gehört, anders gesagt, schon in seinen naturwissenschaftlichen Aspekten zur Ordnung nicht bloß der Natur, sondern ebenso des Geistes. Der Dualismus besteht allenfalls vordergründig.

Beim letztjährigen Philosophiekongress in Essen hat Habermas seine Ideen zu einer Naturalisierung des Geistes komplettiert. 2004 hatte er nur die Perspektivendualität, nicht aber das Auftreten von Geist als solchem evolutionär erklärt. Inzwischen hält er Ausschau nach einer Theorie, die die naturgeschichtliche Genese des Geistes verständlich macht. Zu Recht stellt er hohe Anforderungen an eine derartige Theorie: Sie darf nicht reduktionistisch sein, sondern wir müssen den Geist in dieser Rekonstruktion seiner Naturgeschichte auch wiedererkennen können, in seinem ganzen Umfang.

Habermas’ Projekt bietet eine wunderbare Perspektive für das Darwin-Jahr: Natur- und Geisteswissenschaftler sollten sich zusammentun, um die großen Fragen von Geist, Natur und Kultur einer Klärung auf dem zeitgenössischen Wissens- und Reflexionsstand zuzuführen. In philosophischer Hinsicht ist bemerkenswert, dass Habermas durch seine Zuwendung zu evolutionistischen Überlegungen nach vielen Jahrzehnten eher wieder von Kant ab- und Schelling sowie Hegel näherrückt: Geist und Natur sind zusammenzudenken. Im Spätstadium der Evolution begreift der Geist ebenso wie den Gang der Evolution auch seinen eigenen Hervorgang in ihr; und in evolutionistischer Perspektive kann dies gelingen, ohne dass man den Pferdefuß der hegelschen Theorie mitschleppt, Geist schon anfänglich als Motor zu unterstellen.

Der Autor ist Professor für Theoretische Philosophie an der Schiller-Universität Jena und Leiter des bundesweit sechs Kooperationspartner umfassenden Forschungsverbundes „Interdisziplinäre Anthropologie“.

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