Kultur : Habt keine Angst! Fliegt ab! Wieder im Gorki: Brauns „Übergangsgesellschaft“

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Drei Daten, die von einer Zerreißprobe künden. Am 14. März 1988 gibt es einen Schweigemarsch durch das Zentrum von Leipzig. 300 Menschen haben sich im Anschluss an ein Friedensgebet versammelt, laufen von der Nikolaikirche bis zur Thomaskirche, ziehen eine Spur der Hoffnung durch die Stadt. Anfang Mai 1988 besucht Hermann Axen, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED, die Vereinigten Staaten. Er soll einen Besuch von Erich Honecker vorbereiten. Dazwischen, am 30. März, hat am Berliner Maxim Gorki Theater die Komödie „Die Übergangsgesellschaft“ des 1939 in Dresden geborenen Dichters, Erzählers und Dramatikers Volker Braun Premiere.

Die DDR ringt um internationale Anerkennung. Honeckers Besuch beim übermächtigen kapitalistischen Gegner wäre der Höhepunkt und vielleicht auch eine Möglichkeit, so hoffen die Herrschenden, Ruhe nach innen zu schaffen, die Abwanderung, die Flucht aus dem sozialistischen Gefängnis einzudämmen. Und da fallen auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters Sätze voller Verzweiflung, voller bitterem Humor und voller Hoffnung – geschrieben im Jahr 1982.

„Die Revolution kann nicht als Diktatur ans Ziel kommen. Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ Und: „Noch einmal beginnen. Mein Leben beginnen.“ Oder: „Habt doch keine Angst. Fliegt doch ab.“ Dieses Abfliegen – es war das Gebot der Stunde. Denn nur im Abheben vom Alltag des Jahres 1988 konnte es für Menschen in der DDR die Chance geben, ihr Leben selbstbewusst in die Hand zu nehmen.

Scheinbar künden die hämmernden Texte der Komödie, angeregt von Anton Tschechows „Drei Schwestern“, vom Scheitern, von Zusammenbrüchen, von Ausweglosigkeit. Aber in ihnen macht Volker Braun Schicksale fest, in denen Widerstand steckt, Sehnsucht, Hingabe an eine Utopie, auch wenn diese scheitert. Kann es weitergehen, gibt es eine Zukunft in diesem so anderen deutschen Staat? Am Ende brennt im Stück alles nieder, und Erich Honecker wird nicht in die USA reisen dürfen.

Die Aufforderung zum Fliegen, sie gilt ganz sicher heute noch. „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat“, lautet einer der letzten Sätze in der „Übergangsgesellschaft“. Also geht die Suche weiter. In einem Interview mit dem Autor dieser Zeilen, Anfang der neunziger Jahre, antwortete Volker Braun auf die Frage, welche Chancen in den deutschen Begegnungen stecken: „Also die Herausforderung für unsere gemeinsame Gesellschaft ist vorprogrammiert. Da wir offensichtlich aus einer Krise in diesen anderen Raum gestoßen werden, mag es auch dem bürgerlichen Denken möglich sein, einzugestehen, dass es jetzt selbst in die Krise kommt, die, weil es das herrschende Denken ist, die notwendige und bedeutsame Krise der menschlichen Rasse wird.“

Wenn nun am 14. Dezember, ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung, Brauns „Übergangsgesellschaft“ wieder auf die Bühne des Maxim Gorki Theaters kommt, geht es nicht nur um die Ansichten, Haltungen, Überzeugungen von damals, sondern um die Frage, wie Geschichte und Theater heute miteinander verflochten sind. Damals führte Thomas Langhoff Regie, jetzt inszeniert sein Sohn Lukas Langhoff und konzipiert das Bühnenbild. Noch einmal Volker Braun: „Die Menschheit wird nicht alt, nur die Gesellschaft.“ Christoph Funke

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