Kultur : Hacken hoch: Absatz ab

Das Berliner Literaturhaus ehrt den Collagekünstler Ror Wolf zum 70. Geburtstag mit einer Ausstellung

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Von Simone Fässler

Bücher in der Vitrine sind dem Zugriff des Lesers entzogen, Das ist das Handikap der meisten Literaturausstellungen. Nicht so im Fall von Ror Wolf, dem das Literaturhaus anlässlich seines 70. Geburtstags eine Ausstellung widmet. Denn er arbeitet mit Material, das nicht nur gelesen sein will, sondern auch gehört, betrachtet, kommuniziert.

Ror Wolf begegnet seinen Materialien mit einer zweifachen Geste: Die eine Hand zerstört, zerlegt in einzelne Bestandteile. Die andere fügt zusammen, collagiert, fugenlos genau und in erstaunlicher Kombination. Das ist durchaus als Sabotageakt zu verstehen. Sabotage jedoch nicht aus Zerstörungswillen, sondern aus Begeisterung für den Gegenstand. Wie sonst hätten die in den 70er Jahren entstandenen Fußball-Bücher und -Hörstücke, die Collagen aus Reportagewendungen und Kommentarfloskeln, zum literarischen Großerfolg werden können?

Ror Wolfs allerliebstes Spielfeld ist die bürgerliche Hausliteratur des 19. Jahrhunderts. Im Antiquariat aufgestöberte Benimmbücher und Trivialromane, Ratgeber zu Natur, Technik und Medizin, mit feinen Stahlstichen illustriert. Daraus sind die Lexikonartikel entstanden in „Raoul Tranchirers vielseitigem großem Ratschläger für alle Fälle der Welt“. Unter Buchstabe A: „Absätze, hohe. Über die Nachteile der hohen Absätze haben wir uns schon geäußert. Der Gang verliert an Sicherheit infolge der ständigen Gefahr des Umkippens. Man sieht oft entsetzliche Bilder auf der Straße. Die Körpererschütterungen sind vermehrt, die Unterleibsorgane senken sich und hängen hinab.“ Ratschläge sind dazu da, dass man ihnen zuwiderhandelt. Der Text selbst jedenfalls geht vorsätzlich auf hohen Absätzen, umzukippen ist sein eigentliches Ziel.

Doch wie mutiert die Alltagssituation zur grotesken Szenerie? In welchem Moment tritt die Katastrophe ein? Bis zu welchem Wort reicht das Zitat aus dem Lexikon, und wo beginnt ein anderer (zitierter? eigener?) Text? Die Gegensätze sind extrem, aber die Grenze ist nicht fassbar. Auch die nicht zwischen Spiel und Ernst, zwischen Spaß und Entsetzen.

Die detailgenauen Stiche der Gründerzeit-Enzyklopädien bilden das Rohmaterial der bizarren Bildcollagen, von denen in der Ausstellung viele Originale zu sehen sind. In die Architektur eines Kirchenschiffs fügt sich ein überdimensionierter, zwecks Zahnhygiene geöffneter Mund. Zwei Hände dirigieren ein doppelsitziges Damenrad über den Mond. Trotz surrealistischer Anklänge: Hier bestimmt weniger die freie Assoziation, der spontane Impuls die Komposition als die Eigengesetzlichkeit der Bildelemente. In der abgebildeten Collage: Die zwei schweren Köpfe beugen sich unter der gleichen Last. Der eine, angewinkelt erhobene Arm korrespondiert mit dem anderen, während sich die wild wuchernde Haartracht mit den Palmwedeln verständigt und im Vordergrund die schillernden Gewänder konkurrieren.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße, bis zum 27. Oktober, täglich außer Di, 11-19 Uhr.

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