Kultur : Hackentrick

Anna Geppert

Ab wann darf man sich Autorin nennen? Wenn man nachts in einer Moskauer Küche sitzt und schreibt. Draußen eine Stadt, die man nicht begreift, aber auf dem weißen Blatt zu verstehen versucht? Reicht das schon? Oder muss man in den einsamen Norden Islands fahren und auf einem Bauernhof dasselbe tun: schreiben - nachdem die Kühe gemolken, das Stroh ausgemistet ist? Was auch immer Christina Griebel zu einer Schriftstellerin gemacht hat, Herbert Wiesner war es nicht. "Aus ihr wird mal eine Autorin werden", hatte der Leiter des Berliner Literaturhauses in seiner Laudatio auf die Walter-Serner-Preisträgerin gesagt - und unfreiwillig Gelächter verursacht. Aber was weiß er schon von Moskauer Küchenschaben und isländischen Kühen?

Wie eine katholische Lehrerin aus der schwäbischen Provinz sieht sie jedenfalls nicht aus - so ganz in Schwarz, mit langen dunklen Locken, die im Sonnenlicht rötlich schimmern. Und eigentlich wollte sie auch nie eine werden, sagt Christina Griebel. Deshalb kehrte sie nach dem Referendariat, das sie aus Vernunft absolviert hatte, der Schule den Rücken. Auch in ihrer Heimatstadt Ulm lebt sie längst nicht mehr. Wie viele ihrer jungen Schriftstellerkollegen hat es auch die 28-Jährige nach Prenzlauer Berg verschlagen. Um aber nicht missverstanden zu werden, fügt sie rasch hinzu: "Ich wohne hier gern. Als literarisches Sujet interessiert es mich nicht!"

Schreiben nachts in der Küche

Anders dagegen Moskau. Viele ihrer Kurzgeschichten spielen dort, wo sie einige Monate gelebt hat und die Ursprünge ihres literarischen Schaffens liegen. Sie saß nachts in der Küche ihres Wohnheims und schrieb. Zwar noch keine Kurzgeschichten, die entwickelt sie erst in heimischen Gefilden, sondern minutiöse Studien alltäglicher Details, Nahansichten, Sachbeschreibungen: Ein Stückchen graues Toilettenpapier, halbe Ratten, was man eben so findet in einem post-sowjetischen Wohnblock - zehn Quadratmeter Doppelzimmer, das sie sich mit einem anderen Austauschstudenten und etlichen Kakerlaken teilt, Toiletten ohne Türen, Alleinsein unmöglich, Leben im Ghetto, Schmutz, Angst, Misstrauen.

Ungewohnte Erfahrungen für eine junge Frau, die in einem behüteten, katholischen Elternhaus in Ulm aufgewachsen ist. "Die Zeit in Moskau war trotz aller Schwierigkeiten ein Wendepunkt in meinem Leben, der eine Neugier ausgelöst hat, sich solchen Situationen immer wieder zu stellen." So reist sie im Anschluss an ihren Moskau-Aufenthalt direkt nach Island, wo sie die meiste Zeit damit verbringt, Kühe zu melken. Auf der Halbinsel Vatnsnes, im Nordwesten des Landes, mitten in den Bergen, Blick auf den Fjord, 40 Kilometer bis zum nächsten Ort. "Ich hatte auf einmal viel, viel Zeit", berichtet sie. Und so denkt sie erstmals über den "Text als formales Problem" nach, eine Phase, die die Autodidaktin als "Schritt in einem Verdichtungsprozess" bezeichnet.

Vorher hatte sie ihre Gedanken geordnet, indem sie Bilder malte oder zeichnete. "Lange Zeit sah ich mich ganz selbstverständlich als bildende Künstlerin", sagt sie. "Auf einmal aber merkte ich, dass ich mich besser schriftlich als visuell ausdrücken konnte." Und sie fügt auf ihre sympathisch unprätentiöse Art und nicht ohne Selbstironie hinzu: "Ich hatte allerdings auch kein Atelier und musste folglich etwas tun, was man nachts in Küchen tun kann." Ein Mangel, der ihr entgegenkam. So zog Christina Griebel nach dem Abitur nach Karlsruhe, um dort Kunst und Deutsch auf Lehramt zu studieren. Vermutlich half ihr, dass sie den "Unterricht als Performance" zu sehen vermochte.

In ihren Texten tritt dieser Pragmatismus nicht in Erscheinung. Sie sind von skurrilen Lebewesen bevölkert, von Schnecken, die auf verschiedenste Weise gemeuchelt werden, von Teebeuteln, die unerbittlich zerquetscht werden. Ob sie von isländischen Kuhställen, feinstem Meissner Gebäck oder von einem Heizungsmonteur erzählen, der die kunstvolle Ordnung ihres privaten Reichs durcheinander bringt, Griebels Geschichten sind stets auch witzige Selbstbespiegelungen. So basiert "Und sie geigen Schostakowitsch", wofür sie den Walter-Serner-Preis bekam, auf jenen nächtlichen Wohnheimküchen-Aufzeichnungen, die am Anfang ihres Schreibens standen. Wenn sie die Odyssee eines Klopapier-Stückchens beschreibt, dann sieht man sie wieder in jener heruntergekommenen Küche sitzen: "Auf der Treppe vor dem Tschaikowski-Konzertsaal liegt ein Stückchen graues Toilettenpapier, sorgfältig gefaltet, eben noch nah am Körper getragen, doch dann aus dem Loch in der Innentasche, dem Strumpfhalter, dem Unterhosengummi gerutscht." Der Verlust werde bald jemandem auffallen, schreibt sie weiter, denn auf Moskauer Toiletten gebe es keines. "Blank geputzte Schuhe, schon lange getragen, treten daneben; eine feuchte Ledersohle hält das Papier fest und trägt es ein paar Stufen weiter hinauf, wo es abfällt, um von einem Pfennigabsatz durchbohrt zu werden; der Absatz trägt es bis zum Eingang, hält dort inne, wird angehoben und streift das graue Blättchen an einer Wade in hautfarbenem Seidenstrumpf ab."

Christina Griebels Geschichte erklärt nichts, behauptet nichts, sie leuchtet lediglich Szenen aus. So auch in "Madame Brei", in der sie sich mit Bulimie auseinandersetzt. "Ein Apfel wird geschnitten, vorher geschält. Ein Viertel Apfel. Drei Viertel landen auf dem Fensterbrett. Warum gerade da?" Die Antwort kennt auch Griebel nicht, aber sie entlockt den unscheinbaren Zeichen des Alltags verborgene Botschaften. "Jetzt holt sie Cashewkerne aus einem Zellophantütchen, vier Stück. Die werden fein säuberlich geschält. Was gibt es an einem abgepackten Cashewkern zu schälen?" In Moskau habe sie, so die junge Autorin, ein ideales Szenario für das Thema Magersucht gefunden. "Plötzlich sah ich auch die formale Struktur der Geschichte vor mir." Sie war die Erste, die sie selbst als "formal akzeptablen Text" bezeichnen konnte. Diesem Umstand zu Ehren trägt die Kurzgeschichten-Sammlung der Autorin, die im Frühjahr 2003 im Fischer-Verlag erscheinen sollen, den Namen der Madame Brei.

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