Kultur : Hähnchen und Menschen auf dem Grill

CHRISTOPH FUNKE

Das Leben eine Kneipe.Erst am Tresen wird alles wirklich - und bleibt zugleich phantastische Erfindung.Andreas Marber wirbelt die Figuren seines Stücks "Das Geheimnis von Stuttgart" (früherer Titel: "Das sind sie schon gewesen, die besseren Tage") durch die Klapptür in den Gastraum eines Stuttgarter Hähnchen-Grills, damit sie dort zum Reden kommen, zu einer explosiven Bestätigung ihres Daseins.Der geschlossene, und zugleich für jedermann zugängliche Raum entreißt ihnen Wünsche und Verklemmungen, Ängste und verschüttete Begabungen.

Keiner paßt zum anderen, und doch gehören sie zusammen.Es ist, als klebe jeder seinen Fetzen Leben neben den Bierhahn, zu einem verrückten, wüsten Bild mit ausgefransten Rändern, schreiend bunt und von greller "Welthaltigkeit".Denn mit diesem Anspruch tritt Andreas Marber an, er stellt sich dem Chaos heutigen Alltags mit einer frechen Lust, wirft jedes ordnende Prinzip über den Haufen, baut seine Helden aus lauter Divergenzen auf, treibt sie bis zum Schrillen und Clownesken.

So unmöglich, verwirrend, unverständlich die Details der im Kommen, Bleiben, Gehen abgelegten Charakter-Beichten aber auch sind, sie ergeben tatsächlich ein geradezu geschlossenes, verblüffendes, aufregend komisches Ganzes.Unsere Gesellschaft wird gemustert, nicht wie sie sich werbend geputzt und gesäubert darstellt, sondern wie sie ist, schmutzig, roh, widersprüchlich, unspektakulär.

Marber besieht diese Art des Zusammenlebens gnadenlos, und mit Spaß: Die Kneipe ist letzter Fluchtpunkt, allerletztes Versteck für die Schuldigen und die Beladenen, die Erfolgreichen und die Versager, die Reichen und die Armen, die Lustbedürftigen und die Enthaltsamen.Und dieses Versteck löst sich zum Schluß auf, gibt sein "Geheimnis" preis - grell, kitschig, höhnisch.

Einer ist gekommen, aus dem Osten, und gescheitert.Er verkündet den Untergang der Welt.Ein anderer schreibt Kriminalromane, und hat nur einen Ehrgeiz: das "Arschloch" auch wirklich zu sein, für das ihn alle halten.Und Frauen erobern die Grill-Bude, hungrig auf Liebe, selbstbewußt, überdreht, kaputt und neugierig.Auf der Toilette kommt die Hochzeitsnacht zum Vollzug, aber der Wirt, der für den Bräutigam einspringt, ist kein Mann.

Überhaupt die Toilette - was dort abläuft, konterkariert das scheinbar gemütliche Bierzapfen und die armselige Hähnchen-Eßkultur der Kneipe auf mephistophelische Weise.Marber, Dramaturg, Dramatiker und Theatermann, hat eben die Geschichten berühmter Kollegen drauf und bringt sie gelegentlich ins Spiel.Zum Eselskopf gesellt sich der "Kor" der beiden Freunde, und Wehrdienstleistende machen das Lokal wie ein Furientrupp unsicher, den Einbruch des herrschaftlichen Mercedes in die Grundmauer bombastisch vorwegnehmend.

Im kleinen "theater 89" in der Torstraße hat Martin Fischer eine unbedenklich rote Kneipe im schrägen Winkel hingebaut, einen Hort der Ungemütlichkeit und Verlassenheit: Nur hier kann sich das Chaotische entladen, nur hier ist Raum für die seltsame, wilde "Selbstverwirklichung" der Figuren.Regisseur Rudolf Koloc packt sie an der Gurgel, läßt sie zappeln und schreien und schweigen, gibt ihnen Besonderheit bis in die Fingerspitzen hinein, bekennt sich zu ihren Unverständlichkeiten, beruhigt und glättet nichts.Die Aufführung hat Rhythmus, sie will Leben geben, häßlich, verrückt und wahrhaftig.Aus dem Ensemble, das jeder Figur überzeugend gerecht wird, ragt Herbert Sand als Mike Ferrari heraus.Er spielt den Gescheiterten, Aufsässigen mit wirbligem Temperament, mit einer Wut, die sich höchst komisch und auch beängstigend dumpf entlädt.Ein Spielmeister ist auf der Bühne, der aus der Devotheit, ja fast aus der Infantilität heraus zu wildem Protest aufläuft.Gerade weil Sand aber auch das Geschmeidige, Kleinliche, Widerwärtige des hektischen Schnorrers vorführt, gibt er die Figur Tiefe, weit über das Kabarettistische hinaus.Begeisterter Beifall.

Wieder vom 9.bis 13.und vom 16.bis 20.Juni, jeweils 20.00 Uhr.

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