Kultur : Hähnchens letzte Worte

JÖRG THOMANN

Fast jeden Abend vollzieht sich irgendwo in dieser Stadt dasselbe eigenartige Ritual.An einem versteckt liegenden Ort, in einem Musikclub im Hinterhaus oder im Keller einer Kneipe, versammeln sich Menschen, zu viele Menschen meist ob der beengten Räumlichkeiten, warten und vertreiben sich die Zeit, indem sie rauchen und Bier trinken.Nach und nach treffen auch diejenigen ein, auf die sie warten: Ein paar junge, wenn auch nicht mehr ganz junge Männer - selten auch mal eine Frau - setzen sich an einen Tisch auf der Bühne, um zu rauchen und Bier zu trinken.Dann tritt einer von ihnen an ein Mikrofon am vorderen Bühnenrand und beginnt, einen Text vom Papier abzulesen.

Außer, daß gelesen wird, passiert nicht viel.Hin und wieder wird ein Lied angestimmt, was sich aber nur in Ausnahmefällen wirklich schön anhört.Das Publikum jedoch amüsiert sich prächtig, und wenn nach der Veranstaltung die Künstler mit einer Blechdose oder einem Bierglas in der Hand eine Spende erbitten, so bleibt ihr Ansinnen selten unerhört.

Für das, was an einem solchen Abend geschieht, kursieren diverse Bezeichnungen, und nicht einmal die Künstler sind sich einig, was genau sie ihren Zuhörern eigentlich bieten: einen Literaturabend? Eine Kabarettvorstellung? Eine "gesprochene Zeitung" oder ein "Wortvarieté"? Doch egal, wie man es auch nennt: Fest steht, daß diese Form der Unterhaltung in Berlin erfolgreich ist, und das bereits seit vielen Jahren.Allein in Mitte haben fünf wöchentliche Shows dieser Art eine treue Fangemeinde gefunden.

So sehr sich die Konzepte aller Veranstaltungen ähneln, so verschieden sind die Biographien derer, die hier auftreten: Ein Veteran der Musikszene wie der Sänger und Kabarettist Manfred Maurenbrecher ist ebenso dabei wie die Jungs vom "Keller Buntes", die alle mehr oder weniger geregelten Arbeiten als Programmierer oder Taxifahrer nachgehen.Selbst ein - allerdings abgebrochenes - Studium der Germanistik muß einer Bühnenkarriere nicht im Wege stehen, wie das Beispiel Bov Bjergs beweist: Er lädt seit über zwei Jahren mit Maurenbrecher und Horst Evers zum "Mittwochsfazit" ins Schlot und erzählt beispielsweise davon, wie er einmal mit dem Lieben Gott und einem sprechenden halben Hähnchen eine Reise durchs Schwabenland unternahm.Bjerg erklärt sich die Beliebtheit der Lesungen auch damit, daß die Akteure sich hier nicht als Schauspieler darzustellen suchten: "Sie geben nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht sind."

Tatsächlich scheinen die Autoren auf der Bühne vor allem sie selbst zu sein.Fast all ihre Texte zeichnen sich durch ein klares Bekenntnis zum poetischen Ich aus, und die Themen finden sie vor der eigenen Haustür und oft auch dahinter: Es geht um Pauschalreisen und Beziehungskrisen, um peinliche Parties und S-Bahn-Fahrten, um all das also, was auch den Alltag vieler Zuhörer bestimmt.Wenn das "Mittwochsfazit"-Team in seiner Abschlußnummer schonungslose Einblicke in den spärlich gefüllten Kühlschrank eines Junggesellen gewährt und in die Rollen einer Fertigpizza oder, einmal mehr, eines halben Hähnchens schlüpft, dann spüren nicht nur die männlichen Singles im Publikum, daß diese Literatur sehr viel mit ihnen selbst zu tun hat.

Zweitausend Adressen enthält mittlerweile das Gästebuch von "Dr.Seltsams Frühschoppen", dessen Namensgeber Dr.Seltsam alias Wolfgang Kroeske, der stets im Anzug mit roter Fliege auftritt, längst den Status eines Grand Old Man der Szene genießt.Noch in alten West-Berliner Tagen hatte er mit Wiglaf Droste und anderen Mitstreitern aus dem "taz"-Umfeld die "Höhnende Wochenschau", Urmutter aller Vorlesebühnen, aus der Taufe gehoben.Im Oktober 1990 startete der Frühschoppen, der nach mehreren Umzügen in der Kalkscheune gelandet ist und "wie eine Krake das Berliner Nachtleben erobert" hat.In der Tat bot der Frühschoppen mit seiner "Offenen Bühne" nicht nur heutigen Kleinkunststars wie Pigor & Eichhorn ein erstes Forum, sondern inspirierte auch eine Show wie "Tanjas Nachtcafé".

Obwohl Kroeske aus seiner politischen Haltung kein Hehl macht, ist der Frühschoppen vordergründig so unpolitisch wie die anderen Wortvarietés auch - was nicht heißt, daß nicht hin und wieder alte Feindbilder gepflegt würden, etwa wenn die "Frühschopp-Boys" Duschke, Husen, Scheffler und Witte Celine Dions "Titanic"-Schnulze zum Schmählied auf Walter Momper umdichten.Meist jedoch kommt das Politische im privaten Gewand daher, so in Sarah Schmidts autobiographisch gefärbter Erzählung zum Thema Eifersucht - für Dr.Seltsam ein "Diskurs über die Verhaltensweisen der Geschlechter".Der ließe sich fortsetzen mit der Frage, wieso sich fast nur Männer zum Wortvarieté berufen fühlen.Sarah Schmidt, die derzeit als einzige Frau zum Stamm einer Vorlesebühne zählt, möchte darauf schon gar nicht mehr angesprochen werden.Sie selbst liest gern vor Publikum und hat festgestellt, daß man ihr oft mit besonderer Konzentration zuhört.

Bei allem Kokettieren mit dem gepflegten Dilettantismus - oft wird an den Texten noch bis kurz vor dem Auftritt gefeilt - haben die Wortvarietés einen hohen Grad an Professionalität erreicht.Dennoch sind sie alle den Ruch des Geheimtips bisher nicht losgeworden - und von den Lesungen allein, deren Eintrittspreise bewußt niedrig gehalten werden, um ihren familiären Charakter nicht zu gefährden, können die meisten Autoren nicht leben.Weshalb man ihnen abnimmt, daß nicht Geld oder Ruhm sie antreiben, sondern der Spaß an der Sache.Und der ist zumindest für Bov Bjerg so groß, daß er noch lange mit Selbstverfaßtem auf die Bühne treten möchte: "Ich denkÕ mir, das ist der tollste Beruf, den es gibt."

Wortvarieté-Termine:

Dr.Seltsams Frühschoppen, sonntags um 13 Uhr in der Kalkscheune, Johannisstraße 2.

Reformbühne Heim & Welt, sonntags um 20 Uhr 15 Uhr im Schoko-Laden, Ackerstraße 169.

Ein Keller Buntes, dienstags um 21 Uhr 30 im Zosch (Keller), Tucholskystraße 30.

Mittwochsfazit, mittwochs um 21 Uhr im Schlot, Kastanienallee 29.

Surf-Poeten, mittwochs um 21 Uhr im Bergwerk, Bergstraße 68.

Benno-Ohnesorg-Theater mit Wiglaf Droste, Volksbühne, 9.12., 21 Uhr.

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