Kultur : Hälfte des Himmels

Mütter und Migranten: politisches Theater beim „In Transit“-Festival in Berlins Haus der Kulturen der Welt

Sandra Luzina

Der jüdische Großvater hat die wohl skurrilste Umbenennung hinter sich. Aus Adolf wurde Abraham, als ein anderer Adolf die politische Bühne betrat. Sein Enkel Dodi Reifenberg ist später von Israel nach Deutschland gegangen, ins „selbstgewählte Exil“. Wenn die Reifenbergs zum Essen gemeinsam am Tisch sitzen, dann sitzt die Mutter links vom Vater, Dodi links von der Mutter, während sein Bruder ganz rechts außen sitzt. Ein Mikrokosmos, der alle Konfliktlinien des Staates Israel widerspiegelt. Bei den Reifenbergs würde man gern mal zu Abend essen.

Nun sitzt Dodi Reifenberg mit fünf weiteren Akteuren auf der Bühne des Theatersaals im Haus der Kulturen der Welt: Alia Rayan, Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter, Sladja Blazan aus Bosnien-Herzegowina, Amy Evans aus den USA, Freweyni Habtemariam aus Eritrea und Dinh Tung Nguyen aus Vietnam. Dodi, Alia und die anderen leben in Berlin. Sie haben alle eine bewegte Vergangenheit und sie haben Lust, ihre Geschichte zu erzählen. Im Saal herrscht trotzdem nüchterne Konferenzatmosphäre. Sechs Stühle stehen nebeneinander auf der Bühne, davor ein Mikro.

Ein Missverständnis, dieser Abend? Regisseur Ping Chong aus New York hat sein Projekt „Undesirable Elements“ bereits in 18 Städten realisiert – ein Weltreisender in Sachen Multikulturalismus. Er hat eine Methode entwickelt, die wie ein Passepartout funktioniert. Menschen, die aus verschiedenen Kulturen kommen, werden befragt zu ihrer Herkunft, Familiengeschichte und zu ihren Erfahrungen der Migration. Aus den Interviews montierte er einen Text, der von den Laiendarstellern vorgetragen wird – „mobile“ Identitäten werden in ein starres Setting gepresst.

Jeder ist ein Depot von Geschichte, unterstreicht Ping Chong. Es geht also um den Versuch, sich die eigene Geschichte anzueignen – hier hat man aber den Eindruck, dass die Teilnehmer teilweise enteignet werden. Ihre Erfahrungen werden in ein Raster aus Jahreszahlen und geografischen Namen gezwängt. Unverhohlen didaktisch ist der Abend, der Ton oft objektivierend, analysierend. Und schon greift der Repräsentationszwang: Diese sechs Berliner vertreten eine Minderheit und verkörpern zugleich die Vielfalt der Kultur. Ein Projekt über die Differenz nennt Ping Chong seinen Abend. Problematisch ist allerdings die Beweislast, die er den Darstellern aufgebürdet wird. Der homogenisierende Zugriff des Regisseurs ist deutlich zu spüren, dahinter verschwindet das Individuelle. Aber die Anekdote, die Sladja erzählt, geht einem am Ende nicht mehr aus dem Sinn. Als sie als Austauschschülerin in den USA war, da sammelte die Gemeinde, damit das arme Mädchen sich ein paar richtige Schuhe kaufen kann. Amerikanische Schuhe.

An Schulen und Unis macht dieses Projekt durchaus Sinn, aber im Rahmen des Performance-Festivals „In-Transit“ wirkt „Undesirable Elements Berlin“ wie ein Seminar zum Thema „Partizipation von Migranten“. Denn der künstlerische Anspruch wird hier dem Gebot der political correctness geopfert.

Noch ein Abend im Zeichen des Yang: Für das Projekt „Reports on Giving Birth“ reiste die Choreografin Wen Hui zusammen mit dem Dokumentarfilmer Wu Wenguang durch China und befragte Frauen aus allen Schichten über die Bedingungen, unter denen sie ihre Kinder zur Welt gebracht haben. Auch die eigenen Mütter gaben Auskunft. Zugleich erzählen die Tänzerinnen von den Ammenmärchen, die kursieren. Viele dieser „Reports“ sprechen ein Tabu an – das dokumentarische Verfahren macht es möglich.

Wen Hui sucht außerdem nach einem körperlichen Ausdruck für die weiblichen Erfahrungen. Die Tänzerinnen rollen die Futons zu weichen Bündeln, die sie sich vor den Bauch und auf den Rücken schnüren, mit derart hybrid gepolsterten Körpern rollen sie über die Bühne. Wen Hui zeigt die Lasten, die die Frauen mit sich herumschleppen, zugleich gelingt ihr ein Befreiungsschlag: Das Stück findet starke Bilder für die Körper, Bilder von Gewicht. Es ist witzig und zugleich befremdlich. Am Ende ist klar: Die chinesischen Frauen wollen mehr als nur die Hälfte des Himmels.

„Undesirable elements berlin“ am 10. und 11.6., jeweils 20 Uhr. Das Festival läuft bis 14.6. im Haus der Kulturen der Welt.

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