Kultur : Hämmern und Rauschen

INA BOCKHOLT

Berliner Grips-Theater mit "Vorsicht Grenze!" in der Schiller-WerkstattVON INA BOCKHOLT"Was ist eine Grenze?" Das bebrillte Wesen, das zwei Federballschläger wie Flügel an seinem Rucksack befestigt hat, weiß es einfach nicht.Den Sinn der rot-weiß-gestreiften Sperre kann auch der uniformierte Beamte nicht so leicht erklären, der hier tagein, tagaus einsam wacht.Eine zusätzliche Grenze im Sprach- und Denkvermögen tut sich auf.Drei Jahre nach der deutschen Erstaufführung in Berlin hat Herman Vinck das Stück "Vorsicht Grenze!" erneut für das Grips-Theater inszeniert, diesmal in der Schiller-Theater-Werkstatt.Der Raum, durch den der Wächter mürrisch stampft und das Mädchen beflügelt springt, ist ein trostloser, betongrauer Sperrbezirk.Nur in einer Ecke gedeiht eine winzige Drachenpalme.Ein hoffnungsvolles Pflänzchen, dessen Blätter Axel Prahl als verstörter und verschwitzter Grenzer in einem sentimentalen Moment sogar durchnumeriert.Sonst tritt er eher als Erbsenzähler in Erscheinung, der seine Mini-Wüste grotesk gegen alle Lebewesen verteidigt.Ja, selbst eine Ameise ist diesem muffeligen Pedanten verdächtig.In seinem Wachturm, wo statt Bilder drei Wecker an den Wänden hängen, unterzieht der Beamte das Insekt einem tödlichen Verhör."Er hat das Tierchen umgebracht", empört sich ein kleiner Zuschauer über den mit dem Holzhammer um sich schlagenden Mann in Uniform.Slapstik und Pantomime lassen Tini Cermaks und Andreas Moldaschls "Stück für Menschen ab fünf Jahre", das ohne viele Worte auskommt, niemals überdidaktisiert erscheinen.Gerade das Stolpern und Stottern des Pflichtbesessenen sowie seine Schwäche für Smarties machen ihn sympathisch.Wenn Ulrike von Lenski als naiv-verschlagenes Mädchen in einer Solo-Pantomime einen hölzernen Teppichklopfer auf eine flexible Fliegenklatsche treffen läßt, nimmt sie die Geschichte vom zugeknöpften Staatsdiener und der offenherzigen Exotin vorweg.Daß sich durch kindlichen Charme Grenzen zwischen den Menschen einfach für ungültig erklären lassen, glauben die kichernden kleinen und die amüsierten großen Zuschauer gerne.Denn die Einfälle der Schauspielerin, die sich zum Klopfen, Rauschen und Hämmern von Martin Fonfaras Schlagzeug so leicht wie eine Mücke bewegt, sind mindestens so lustig wie das Muster ihres Strickkleids.Kein Wunder also, daß irgendwann auch räumliche Barrieren verschwunden sind.Als das Mädchen und ihr Grenzer am Ende mit dem zur Mongolfiere mutierten Wachturm zur Luftfahrt ansetzten, verloren selbst Plüschtiere ihren Halt im Publikum und flogen auf die Bühne. Wieder am 2.und 3.Juni, jeweils 11 Uhr, in der Werkstatt des Schiller-Theaters.

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