Kultur : Händel am Grabbeltisch Zürich: Marthalers famose Barockoper „Sale“

Volker Hagedorn

Beige und grau tragen die Leute, dazwischen leuchtet verzweifelt das Signalrot der Preisschilder. Sale. Alles muss raus. In der Rigipsdecke glimmen die Neonkacheln, aufs Oberlicht tröpfelt Novemberregen, unendlich langsam die Rolltreppe ins Untergeschoss. Elektrogeräte, Bobbycars, Damenwäsche, tristes Allerlei. Es gibt diese Kaufhäuser, diese bröckelnden Familienfirmen ja wirklich, in Wuppertal oder in Berlin oder am Rand von London. Vielleicht sogar in Zürich. Falls die Züricher noch nicht wissen, wie ein richtiger Niedergang aussieht, können sie sich mit Anna Viebrocks Raum für „Sale“ schon mal darauf einstimmen.

Mit Regisseur Christoph Marthaler arbeitete die Ausstatterin einst am Schauspielhaus der Stadt, nun hat Andreas Homoki sie an die Oper geholt. Der aus der Komischen Oper Berlin kommende neue Intendant verbindet dabei ein Wagnis mit Bewährtem. Das Wagnis, mit Händels Musik so zu verfahren, wie der Komponist es selbst tat: Arien aus Opern und Oratorien neu zu kombinieren, zum Pasticcio zu verkleben. Das 19. Jahrhundert mit seiner Heiligung des Werks war noch fern. Noch ferner waren der Zusammenbruch des Mittelstandes und die Kündigungsorgien des 21. Jahrhunderts.

Tut es gut, wenn die bleierne Stille zwischen Waren und Warenhausbetreibern, beide gleichermaßen angestaubt, von einem Cembalosolo gebrochen wird? Die Töne verschönern nichts, dazu sind sie zu zerbrechlich. Sie blicken von viel weiter auf die Szene als der Cembalist: Laurence Cummings, der zugleich das hauseigene Barockorchester „La Scintilla“ leitet. Dann singen zehn Typen, von der steif in den 1960ern stecken gebliebenen Dynastiechefin (Anne Sophie von Otter) bis zum filouhaften Filialleiter (Raphael Clamer) von der „thick darkness“, die Gott über das Land sandte. Ausverkauf, Finsternis.

Die wunderbare Musik kommt nun von noch weiter her. Als stünden da vorn nur Zombies, durch deren Münder die Klangreste aus einer unerreichbaren Zeit wehen. Händel, unser Zeitgenosse? Ab und zu muss man begreifen, dass er ganz woanders ist, dass er uns nicht kennt. Das geschieht hier. So wird umso deutlicher, was wir doch gemeinsam haben. In der grotesken Entfernung zwischen „Giulio Cesare“ und Grabbeltisch hat das Vokabular der Gefühle überlebt, die Töne für Aufbegehren, Trauer, Liebe, Trost.

So werden aus Zombies wieder Marthaler-Figuren mit all ihren Macken. Bei aller Komik waltet in „Sale“ wieder eine untergründige, beunruhigende Stringenz. Da ist der tote dritte Ehemann der Kaufhausdirektorin, der das Halbjenseits des Ausverkaufs durchschreitet und amüsiert die Neurosen jener beobachtet, die irgendwann auf seiner Seite landen werden. Und da sind die Rezitationen aus Edgar Allen Poes „Maske des Roten Todes“, einer Pesterzählung in dahinblutendem Englisch.

Vor 20 Jahren hätte sie jeder auf Aids bezogen; in diesem Warenhaus spiegeln die Worte eher die Angst vor dem gesellschaftlichen Zusammenbruch, der schon begonnen hat. Als Terminator kommt hier nicht der Rote Tod, sondern der Buchhalter mit seiner Inventurliste. „Caro Amico“, so klammern sich zwei, sanft duettierend, aneinander fest. Keiner verlässt den Saal. Die Gruppe rennt gegen unsichtbare Wände. Hilfe! „Comfort ye!“, kalmiert da eine Stimme. Von oben? Von vorne! Dirigent Cummings wendet sich zum Publikum und singt in vollendeter Schönheit das Tenorrezitativ aus dem „Messias“. Tröstet euch, spricht euer Gott.

Und es tröstet. Es ergreift. Als sei es schon die ganze Zeit um unsere eigenen Ängste gegangen, kommt mitten im Theater ein religiöses Angebot, nicht als Sonderangebot. Für ein paar Minuten ist das hier Kultraum. Dann dreht sich Cummings wieder um, und der tote Ehemann lacht und versichert uns: „C’est pas grave!“ Nichts Ernstes! Marc Bodnar sagt es auf eine präzise Art leichthin, die zum Leben ermuntert – vor wie nach dem Tod.

Leider klingen die festbestallten Musiker nicht ganz so wach. Vielleicht ließe sich eine gewisse Trägheit vertreiben mit Blick auf die Standards, die andere Ensembles längst etabliert haben. Dass indessen Händels „Feuerwerksmusik“ zum finalen Rohrkrepierer wird, liegt an Christoph Marthaler. Mit der Selbstverwüstungskraft, die Genies leider auch haben, rasselt er vom Hochniveau einer Depression zwischen Realismus und Verklärung in eine krampfige Coda, über die man auf Nachfrage erfährt, es sei eine Spitze wider die Sponsorengelage unter Exintendant Pereira. Ach je. Aber sonst ist es ein ziemlich großer Abend. Die vielen Buhs der Züricher zeigen, dass sie ihn verstanden haben. Volker Hagedorn

– Bis 27. 11., Infos: www.opernhaus.ch

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