Kultur : Händel im Hörsaal

OPER

Franziska Richter

Erster Versuch: Manipulation der Sinne. So steht es an die Wand geworfen. Dann: Held und Konkurrent in Sachen Liebe werden auf zwei hochgestellten Liegen in den Operationssaal geschoben. Die erste Arie beginnt. Alexander Paeffgen, Regisseur der Neuen Opernbühne Berlin hat Händels Oper „Amadigi“ (bei ihm: Operation Amadigi ) in eine Klinik verlegt – und den Aufführungsort gleich mit: In den medizinischen Hörsaal des Krankenhauses Moabit (nochmal: 30.9., 2.-4.10., 20 Uhr). Die Musiker haben in dem Vortragssaal keinen Platz. Bis auf Cembalo, Cello und das barocke Zupfinstrument Theorbe, nimmt das Orchester (Leitung: Scott Curry) per Lautsprecher und Videoübertragung am Geschehen live teil. Dass die klangliche Qualität von Orchester und Sängern unter den akustischen Bedingungen etwas zu leiden hat, nimmt Paeffgen in Kauf.

Es geht in der dreistündigen Oper um Liebe: Der Held, Amadigi (dunkler Mezzosopran: Jelena Bodrazic) und Prinzessin Oriana (strahlend-kräftiger Sopran: Mélanie Boisvert) lieben sich. Doch die böse Melissa (keifend-schöner Sopran: Ulrike Stöve) ist ebenfalls an Amadigi interessiert, Prinz Dardano (wendiger Counter-Tenor: Tim Severloh) wiederum hat sich in Oriana verguckt. Bis die zwei Liebenden zueinander finden, müssen sie einige Prüfungen bestehen. Raffiniert hebt Paeffgen die Handlung auf eine psychologische Ebene und beleuchtet die Entwicklung der Figuren: Werden Wahn, Angst und Eifersucht medizinisch erläutert, lässt Melissa die klagende Oriana filmen, als wolle sie ihren Schmerz dokumentieren. Paeffgens Versuch ist so erfolgreich wie die allen Widerständen trotzende Liebe von Held und Prinzessin.

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