Kultur : Hänsel und Gretel auf Floridas Straßen

Martin Schwickert

Nirgendwo im Filmgeschäft beklaut man sich so freizügig wie im Horrorgenre. Mit Referenzen und Selbstzitaten plündert es sich durch die eigene Geschichte und stößt dabei immer wieder auf den gleichen Mythen- und Märchenfond. Die Gebrüder Grimm zum Beispiel wären im Falle einer Reinkarnation allein aus den Lizenzgeschäften für "Hänsel und Gretel" finanziell saniert. Auch Victor Salva müsste sich angesichts seines Teenie-Horror-Films "Jeepers Creepers" mit Tantiemenforderungen auseinandersetzen. Die Geschwister Trish (Gina Philips) und Darry (Justin Long) verirren sich zwar nicht im Wald, aber auch in den einsamen Highway-Landschaften Floridas kann man vom Weg abkommen. Gemütlich tuckern die beiden über die hügeligen Straßen den Schulferien entgegen, als ein Lastwagen sie militant von der Fahrbahn drängt. Später sehen sie das Auto am Straßenrand und daneben eine dunkle Gestalt, die ein leichengroßes Bündel durch eine Röhre ins Erdreich versenkt. Die Schwester ruft zur Vernunft. Die Neugier des Bruders siegt. Sie fahren zurück und inspizieren den Tatort. Kopfüber hängt sich Darry in die Röhre und stürzt vorhersehbarerweise hinab in die tiefe Dunkelheit. In den Katakomben stößt er auf halblebendige Körper, denen einzelne Organe mit grober Hand entfernt wurden.

Dahinter steckt kein Organspende-Mafia-Unternehmen, sondern ein ordinäres Monster. "Jeepers Creepers" ist erst eine halbe Stunde alt, da hat sich das Böse schon als schniefendes Flugechsenmenschengetier materialisiert. Regisseur Victor Salva nennt "Dracula" und "Frankenstein" als prägende Fernsehkinderfahrungen - hier hätte er lernen können, dass, wenn man dem Bösen ein Gesicht gibt, man ihm auch eine Seele verleihen muss. Stattdessen ergibt sich "Jeepers Creepers" den Nachahmungszwängen des Genres. Ein paar Krähen hitchcocken durchs Bild, eine Seherin mit glasigem Blick hat sich aus "Twin Peaks" hierher verirrt, und auch der schwarze Ölmantel des Mordungeheuers wirkt etwas abgetragen. Was als sprödes Independent-Schauermärchen beginnt, endet bald in einer inspirationsarmen Nummernrevue aus dem Zitatezettelkasten.

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