Kultur : Härter dichten

Eine Berliner Ausstellung erinnert an Paul Zech

Lea Streisand

Seine Französischkenntnisse waren mäßig, die des Altfranzösischen gering, und so machte sich Paul Zech im wahrsten Sinne des Wortes seinen eigenen Reim auf François Villon. So stammt auch die berühmte Zeile „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, die Klaus Kinski später von den Theaterbühnen des Landes herunterschrie, von Zech allein. Die „Verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau“, der sie entstammt, entbehrt bei dem spätmittelalterlichen Franzosen Villon jeder Vorlage.

Der heute weitgehend unbekannte Zech, 1881 im westpreußischen Briesen (heute: Wabrzezno in Polen) geboren und 1946 in Buenos Aires, im argentinischen Exil, gestorben, war einer der produktivsten Schriftsteller seiner Generation. Er hinterließ rund 30 Gedichtbände, 20 Prosa-Sammlungen, 11 Romane, zirka 30 Dramen, zahllose Essays und Hunderte von Nachdichtungen. Zeit seines Lebens war Zech Plagiatsvorwürfen ausgesetzt – Ende der zwanziger Jahre in ganzen 27 Fällen.

Zum 125. Geburtstag widmet das Berliner Haus am Kleistpark Leben und Werk des Dichters nun erstmals eine Ausstellung. Sie präsentiert ihn in Originaltexten, Fotos und im Kontext von Werken seiner Künstlerfreunde, darunter Porträtzeichnungen von Ludwig Meidner sowie Gemälden und Buchillustrationen von Hans Baluschek. „Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse“, heißt es in einem Gedicht von Else Lasker-Schüler. „Man kann sie in die Hand nehmen, so hart sind sie.“

Seine Nachdichtungen versah er überdies mit einer fantasievollen Biografie des Dichters. Sie liest sich ein wenig wie seine eigene – voller Legenden. Er verlebte eine offenbar unstete Kindheit bei Verwandten, die Bilder aus dieser Zeit haben weder Orts- noch Zeitangabe. Aus Elberfeld ist ein Konfirmandenfoto erhalten. Dass er hier aber das Gymnasium besuchte, ist nicht belegt.

Frei erfunden ist auch sein Studium an verschiedenen Universitäten und seine Promotion zum Doktor phil. 1910 und 1912 veröffentlichte Zech seine beiden ersten Gedichtbände. 1919, ein Jahr nachdem Heinrich Mann ihm den Kleist-Preis verliehen hatte, nahm Kurt Pinthus zwölf von Zechs Gedichten in die „Menschheitsdämmerung“, die legendäre Anthologie expressionistischer Lyrik auf. Immer strebte Zech nach festen Metren, oft dichtet er Sonette.

Die Lyriksammlung „Das schwarze Revier“ begründete 1913 Zechs Ruf als Bergbaudichter. Dass ihrem Eintauchen in eine infernalische Welt eigene Erfahrungen zugrunde liegen, ist nicht nachzuweisen. Als Patriot ging er 1915 an die Front und kehrte 1918 als Pazifist nach Berlin zurück. Erwin Piscator schrieb 1926 mit seiner Inszenierung von Zechs szenischer Ballade „Das trunkene Schiff“ – frei nach Arthur Rimbaud – an der Berliner Volksbühne Theatergeschichte. Die Ausstellung zeigt vier Szenenentwürfe von George Grosz sowie Mitschnitte der von Frank Castorfs Neuinszenierung 1988 – mit Henry Hübchen als Rimbaud. Lauter spannende Hinweise auf einen Dichter, mit dem eine Wiederbegegnung lohnt.

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund … Eine Wiederbegegnung mit dem Dichter Paul Zech zum 125. Geburtstag. Haus am Kleistpark, bis 7. Mai. Di bis So 14 bis 19 Uhr. Eintritt frei. Im Ibero-Amerikanischen Institut, Potsdamer Str. 37: 20.4., 18 Uhr: Vortrag zu Zech im Exil. 21. 4., 19 Uhr: Dokumentarfilme zu Zech.

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