Kultur : Hätten wir Clinton, kämen bei uns die Lewinskys

ROBERT RIMSCHA

Als das "land of the free", das "Land der Freien", preisen Amerikaner ihre Heimat, wenn sie die Nationalhymne singen.Die amerikanische Großstadt Philadelphia hat sich gerade etwas Neues im Kampf gegen Prostitution - in Amerika verboten - einfallen lassen: Wenn ein Mann sich auf einen Handel einläßt, der dem Erwerb käuflicher Liebe dient, kann die Polizei seinen Wagen beschlagnahmen.Ausgelöst wird das Auto nur gegen die Unterschrift der Ehefrau oder der Eltern.In Washington ist gerade Präsident Clinton dabei, über eine angebliche Affäre zu seiner ehemaligen Praktikantin zu stürzen.Hat Amerika, das Land der Freien, keinen Respekt vor der Privatsphäre? Oder schlicht den Verstand verloren?

Die Antwort lautet nein.Privates wird in den USA anders definiert.Daß individuelle Freiheit als in-Ruhe-gelassen-werden definiert und gesamtgesellschaftlich extrapoliert wird - keine Feten in Mietwohnungen nach 22 Uhr - ist für US-Bürger eine seltsame Vorstellung.In Amerika ist Freiheit etwas Gegebenes.Wer hier lebt, findet eigenständig Ruhe und braucht keinen Staat, um sie schlichtend zu garantieren.

Daß Clinton dabei sei, über wildgewordene Prüderie und moralischen Super-Rigorismus zu straucheln und dabei von einer Bande puritanisch-heuchlerischer Kenneth Starrs und Pressemenschen verfolgt wird, ist ein weiterer dieser europäischen Irrtümer über das amerikanische Verhältnis zwischen Privatem und Öffentlichem.In Europa gilt Clinton als Opfer.In Amerika ist Clinton in einem Zivilverfahren beschuldigt worden, Täter zu sein.Paula Jones behauptet, Clinton habe sein damaliges Amt als Gouverneur mißbraucht, um sie sexuell gefügig zu machen.Im Rechtsstaat kann es ihr schwerlich jemand verweigern, Zeugen, Belege und Beweise für ihre Behauptung beizubringen.Eine Zeugin heißt Monica Lewinsky.

Wäre in Deutschland über ein solches Verfahren nicht berichtet worden? Auch in den USA kann, anders als dies oft geglaubt wird, nicht einfach jeder jeden verklagen.Paula Jones hatte so reichliche Anhaltspunkte, daß eine Bundesrichterin ihr Verfahren zunächst zuließ, ehe es in diesem Frühjahr eingestellt wurde.Wäre in Europa der Mantel des Schweigens über einen solchen Prozeß gebreitet worden, um die Intimsphäre des Beschuldigten zu schützen?

Wohl kaum.Der drastischste Einbruch des Sensationellen in den deutschen Medien war bislang das Geiseldrama von Gladbeck: Die totale Mißachtung von Verbrechensopfern und ihrer Schutzsphäre in einem unpolitischen Zusammenhang.Der Punkt, wo Deutschland bewußt wurde, daß Politiker nicht deshalb nobel und gut sind, weil sie 20 Jahre Parteikarriere hinter sich haben, war Barschels Waterkantgate.Nach Gladbeck und der Genfer Todeswanne dürfte klar sein: Hätten wir Clinton, kämen auch bei uns die Lewinskys.

In Amerika war Watergate die Wasserscheide.Die Affären der Kennedys waren zuvor ebenso kein Thema, wie auch Willy Brandts amouröse Eskapaden in Bonn nicht nachrecherchiert wurden.Die Verantwortlichen der "Washington Post", die Helden der Watergate-Aufdeckung, haben ihre Grundlinie gerade erneut betont.Was ein Politiker privat treibt, geht die Öffentlichkeit grundsätzlich nichts an.Anders ist es in drei Ausnahmefällen: Das Privatverhalten steht in eklatantem Widerspruch zur öffentlichen Selbstdarstellung (Anwalt strenger Familienmoral geht fremd), das Privatverhalten tangiert Sicherheitsbelange (Politiker hat Verhältnis mit Spionin), das Privatverhalten ist justiziabel (Politiker hat Verhältnis mit Minderjähriger oder Untergebener).Vor Watergate waren die Hemmschwellen hoch und die Grauzonen gewaltig.Watergate hat gelehrt, daßWashingtons Politiker zu extremen Mitteln der Vertuschung zu greifen bereit sein können.Seither schrillen die Alarmglocken schneller.

Amerikas Presse braucht sich dabei den Vorwurf der Heuchelei indes nicht gefallen zu lassen.Die letzten Monate über sind dutzende Journalisten entlassen worden, weil sie Teile ihrer Geschichten erfanden oder sich bei Quellen bedient haben, die sie nicht nannten.Der Moral-Besen, der in den USA kehrt, ist nicht eisern, aber härter als der deutsche - und er kehrt in Regierungsbüros gleichermaßen wie in Redaktionsstuben.

Der Fall Lewinsky hat mit sexueller Belästigung nichts zu tun.Für Sonderermittler Kenneth Starr ist nicht der Nachweis eines Verhältnisses der springende Punkt, sondern die Frage, ob er seine Hypothese belegen kann, daß Clinton seit Jahren und in dutzenden Fällen widerrechtlich Einfluß auf Verfahren nahm, Justizermittlungen behinderte und Zeugen massiv beeinflußte.Lewinsky ist ein Steinchen des Mosaiks, mehr nicht.Ihre Bedeutung wird in Deutschland maßlos übertrieben, da die Gesamtsicht der Clinton-Skandale fehlt.In Amerika erntet Lewinsky kaum mehr als Schulterzucken.Washington nimmt sie ernst, weil sie das Faß zum Überlaufen bringen kann.Lewinsky ist bei weitem nicht Clintons größte Verfehlung - sie mag aber jene Petitesse sein, die Starrs Whitewater-Untersuchung doch noch in Watergate-Rang erhebt - gemessen an den Folgen.Falls Clinton aus dem Weißen Haus getrieben wird, dann weiß jeder, warum.Es wird nicht wegen Lewinsky sein.

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