Kultur : Häuptling Eigener Herd

Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: Johan Simons spielt mit Coetzees „Foe“-Roman

Mirko Weber

Langer Titel: „Robinson Cruso (sic!), die Frau und der Neger“. Nach J. M. Coetzees Roman „Foe“. Also auch wieder nach Daniel Defoe, dessen gehobenen Erlebnisbericht der südafrikanische Literaturnobelpreisträger Coetzee in anderer Form wiedergibt: Bei ihm strandet nicht nur Cruso(e), sondern auch noch Susan Barton. Und die Frau interessiert sich für all die Geschichten, von denen bei Defoe – aus vielerlei Gründen – nicht die Rede ist. Vor allem will sie den Schwarzen Freitag rehabilitieren, weil sie mutmaßt, Cruso habe ihm die Zunge herausgeschnitten. Mit allem Gesehenen und tausend eigenwillig quer liegenden Gedanken geht sie zu Foe, einem weiteren Charakter, den Coetzee erfunden hat, um von diesem Schriftsteller die Fabel retuschieren zu lassen. Oder neu zu konstruieren.

Sehr kompliziert! Doch bringt der Theaterautor Pieter de Buysser seinen Versuch einer Theatralisierung trotzdem auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Und da riecht es jetzt seit der Uraufführung nach verbrannter Milch. Dabei tut der niederländische Regisseur Johan Simons von Anfang an so, als koche auch er nur mit Wasser. Simons hat gesagt, dass auf den Bühnen heute viel behauptet werde, woran er nicht mehr glaube. Demgegenüber behauptet Simons nun erst mal gar nichts mehr – sollen die Dinge sich doch von selbst entwickeln.

Und dann fängt vor einer riesigen Attrappe des Schwarzen Freitag der feine Schauspieler André Jung als Häuptling Eigener Herd an, den Löffel zu schwingen: hobelt Rote Beete und Kraut, füllt Teigtaschen, dämpft sie, belegt Pizzen, fährt den Ofen hoch und runter, nippt gerne am Wein und raucht für zwei. Das muss er auch, schließlich spielt er in Boxershorts den Cruso und in Anzugshosen den Foe. So oder so verkörpert er die Zivilisation, wie sie vor sich selbst und vor lauter Achtung still steht. Susan Barton hingegen bringt Leben ins falsche Idyll, indem auch sie gleich doppelt auftritt: In Gestalt der Schauspielerinnen Betty Schuurman und Sylvana Krappatsch, die eine weiß, die andere schwarz gekleidet, kreist sie Cruso/Foe zuerst ein und bearbeitet ihn dann argumentativ und handgreiflich. Bis die Milch überkocht.

Es ist die einzige wirklich unvergessliche Szene an diesem Abend, denn sie hinterlässt im Saal bis zum Schluss einen üblen Geruch. Ansonsten ist da nur Leere, Sterilität. Foes Buch erzählt von der Schwierigkeit, als identischer Mensch zu sprechen. Damit lässt sich literarisch trefflich spielen. Für die Bühne ist die Konfiguration verschenkt. Papier, das nicht sprechen kann und trotzdem redet. Allenfalls kommt ein Hörspiel heraus. Dazu wiederum braucht man nicht den prächtigen Rahmen der Münchner Kammerspiele, ein Radio tät’s auch. Lang und immer länger ziehen sich zwei Stunden, während derer man sich weniger im falschen Stück wähnt als grundsätzlich eher nicht im Theater.

Mehr und mehr wird aus dem annoncierten Geschlechterkampf ein hilfloses Gestikulieren. Der Text, verrätselt genug, scheint neben der Inszenierung her zu laufen. Er ist aber weder Untertitel noch Kommentar. Er steht für sich. Und bleibt so stehen. Man könnte das alles stundenlang so weiter spielen. Oder irgendwann abbrechen. Ehe sich das Theater in München sensationell schnell leert, fällt auf der Bühne ein Teller mit Pfannkuchen auf den Boden. Dann bleibt es dunkel. Man muss die Schlussszene als Zeichen nehmen: Von diesem Theater wird keiner satt.

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