Kultur : Häuptling Theo

CHRISTIAN SCHRÖDER

Geld spielt für einen Apatschen keine Rolle. Er hat ja sein Gold. Immer wenn er etwas braucht, reitet er einfach zum Nugget Tsil, dem mythischen Berg, wo an geheimen Stellen das Gold zutage tritt, und nimmt sich etwas davon. "Ich gestehe, daß mich eine Bewunderung überkam, die mit ein wenig Neid gemischt war", schreibt Karl May im 9. Kapitel von "Winnetou I". "Diese Menschen wußten, wo das kostbare Metall in Menge lag, und führten, anstatt es zu benutzen, ein Leben fast ohne alle Ansprüche. Sie trugen keine Scheckbücher und Geldbeutel bei sich, aber sie hatten überall, wohin sie kamen, verborgene Schatzkammern, in die sie nur greifen brauchten, um sich die Taschen mit Gold zu füllen. Wer es doch auch so haben könnte!" Aber Vorsicht: Auf dem Gold liegt ein Fluch, der Goldstaub ist derStaub des Todes. Apatschenhäuptling Intschu-Tschuna und seine Tochter Ntscho-tschi, Winnetous Vater und Schwester, werden am Nugget Tsil vom Desparado Santer erschossen, als sie Gold für Ntscho-tschis Reisekasse holen wollen, die nach St. Louis geschicht werden soll, um dort christlich erzogen zu werden. Und Old Shatterhand, Ntscho-tschis Verlobter, erkennt, daß Gold der Kern aller Verderbnis ist: "Es bringt keine Befriedigung, den Reichtum mühelos geschenkt zu erhalten. Nur das, was man sich selbst erarbeitet hat, besitzt wahren Wert."Es kommt nicht darauf an, reich zu sein, wichtiger ist es, ehrbar zu bleiben: Eine Botschaft, wie sie auch vom Häuptling "Klingende Münze" stammen könnte. Der Mann ist strenggenommen keine Rothaut, in der Welt der Scheckbücher und Geldbeutel kennt man ihn unter dem Namen Theo Waigel. Als er 1991 zum ersten Mal die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg besuchte, wurde der damalige Bundesfinanzminister umgehend zum Ehrenhäuptling ernannt. Am heutigen Sonnabend kehrt Häuptling Waigel in offizieller Mission zurück in die Pulverdampfarena: Er hält die Laudatio auf Pierre Brice, der mit dem "Scharlih", dem Ehrenpreis des Karl-May-Archivs, ausgezeichnet wird. Seit ihrer Begegnung vor acht Jahren hat sich eine Art Männerfreundschaft zwischen dem Kassenwart a. D. und dem Immer-noch-Winnetou entwickelt. Sie tauschen regelmäßig Weihnachtskarten aus und hatten schon länger gehofft, sich wiederzusehen. Er wolle keine große Rede loswerden, kündigt Waigel gegenüber dem Tagesspiel an, "nur ein paar Worte" sagen. Zum Beispiel, daß Brice in seinen Filmen Winnetou "in unvergleichlicher Weise und sehr einprägsam" gespielt und daß sein französischer Akzent doch "sehr schön zu seinem Deutsch gepaßt" habe. Auch einen Schlenker ins Außenpolitische wird sich die CSU-Rothaut möglichweise erlauben: "Es gibt schon zu denken, daß bei diesen Filmen die eindrucksvollsten Aufnahmen in Jugoslawien gemacht wurden." Und Waigel wäre nicht Waigel, der rustikale Wirtshauspolemiker, wenn er die Laudatio nicht auch zu einem Seitenhieb nutzen würde: Vom Nugget Tsil der Bundeskasse könnte er erzählen, den die Nachfolger gnadenlos ausbeuten, oder vom Goldstaub, der anfangs über der Regierung Schröder zu liegen schien und längst weggeblasen ist.Karl May übrigens, der in seinen Büchern stets die "deutsche Bescheidenheit" feierte, hat selber vom Sparen nicht viel gehalten. In jungen Jahren brachte ihn seine Neigung zum Luxus ins Gefängnis, und als er später zu Geld kam, gab er großzügig Goldmünzen als Trinkgeld und hängte zu Weihnachten auch schon mal 100-Mark-Scheine in den Christbaum. Eines vor allem trieb ihn, fast 100 dicke Romane zu schreiben: die Gier nach Gold.

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