Kultur : Häuser als Kreuzfahrtschiffe

Eingefrorene Bewegung: Der Architekt Erich Mendelsohn wird in der Akademie der Künste als Visionär der Moderne geehrt

Falk Jaeger

Albert Einstein kam öfter mal aus Caputh herübergesegelt, um im Haus Mendelsohn an einem Kammerkonzert mitzuwirken. Am Rupenhorn über der Havel steht noch heute das Haus, das der Architekt Erich Mendelsohn (1884 – 1953) für seine Familie erbaute. Er hatte es sich nicht leicht gemacht, hatte jahrelang geplant, verworfen, neu erdacht. Er, der ruhelose, in vielen Ländern Tätige, projizierte seine Sehnsucht nach dem eigenem Heim auf seine Frau Luise – eigentlich nur für sie wollte er bauen. Jedes Jahr erhielt sie zum Geburtstag die Skizze einer architektonischen Vision. 1930 schließlich war es soweit, das Traumhaus konnte bezogen werden und wurde zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt für Schriftsteller und Musiker, Politiker und Industrielle, ein Haus voller Musik (Luise war Cellistin) und Poesie. Drei Jahre konnten die Mendelsohns ihren privilegierten, multikulturellen Lebensstil pflegen, dann wurden sie in die Emigration getrieben.

Wenn nun diese und andere, auch persönliche Episoden aus dem Leben des neben Gropius und Mies van der Rohe bedeutendsten Architekten der Zwischenkriegszeit wieder lebendig werden, ist es das Verdienst der Kunsthistorikerin Regina Stephan, die sich dem Werk des Architekten verschrieben hat. „Dynamik und Funktion“ heißt ihre große Mendelsohn-Werkschau, die in den Räumen der Akademie der Künste zu sehen ist. Ein ganzes Kabinett ist dem bislang wenig beachteten Privathaus Mendelsohns am Rupenhorn gewidmet, darin zahlreiche persönliche Fotos und Originalstücke.

Mendelsohns Persönlichkeit und Werk sind, verglichen etwa mit Mies van der Rohe, in den vergangenen Jahrzehnten wenig gewürdigt worden. Diese Lücke schließt nun die Ausstellung und die sie begleitenden Publikationen. Und sie tun dies auf sympathische Weise. Natürlich kann man den Bauten nachspüren, die Pläne studieren, die Modelle bestaunen (die großenteils von Architekturstudenten der Universität Stuttgart gebaut wurden) und mit den Fotos vergleichen. Eine eigene Abteilung gibt sogar Auskunft über das Schicksal und den gegenwärtigen Erhaltungszustand der Bauten, die in Polen, Russland, USA und Israel stehen. Zu spüren ist aber auch, wie sich die Ausstellungsmacher vom Charisma des Architekten postum einnehmen ließen und so versuchen, die Gedankenwelt des Architekten nachvollziehbar zu machen. Mendelsohns umfangreiche Diasammlung, die in der Berliner Kunstbibliothek aufbewahrt ist, bietet hierzu das Material. Was ihn faszinierte, wovon er sich inspirieren ließ, hat er fotografiert, auch natürlich, um es in seine zahlreichen Vorträge einzubauen. Großen Einfluss hatten seine Reisen in den Zwanzigerjahren nach Palästina, Holland, vor allem aber 1924 nach Amerika.

Solche Unternehmungen hat Mendelsohn nie aufgegeben. Selbst Hochbetrieb im Büro hat ihn nicht davon abgehalten, und als es opportun erschien, sich den nationalsozialistischen Pressionen zu entziehen, fiel es ihm leichter als anderen, sein Glück anderswo zu suchen, zunächst in England, dann in Palästina und schließlich in den USA.

Die neuen industriellen Bauweisen, der nüchterne Funktionalismus amerikanischer Hafen-, Industrie- und Verkehrsbauwerke (der schon Le Corbusier elektrisiert hatte), aber auch die großbürgerliche Kultur eines Frank Lloyd Wright und seines Werks hat er wie ein Schwamm aufgesogen. Frappierend zum Beispiel die Aufnahme der Kommandobrücke der „Deutschland“, die wie ein Bildausschnitt der Fassade des Columbiahauses erscheint, das er später am Potsdamer Platz errichtete. Mendelsohn setzte damit den Dynamismus in Realität um, der seit den italienischen Futuristen und seit den russischen Konstruktivisten virulent war: die Verherrlichung einer neuen, technisierten Gesellschaft. Mendelsohn zeichnete seine berühmten Skizzen noch im Schützengraben des Ersten Weltkriegs. Doch anders als Sant’Elia, der in seinen gezeichneten Architekturfantasien aufging, nahm er die Gelegenheit zum Bauen nach dem Krieg wahr. Der Einsteinturm entstand als Vergrößerung seiner Skizzen im Maßstab eins zu eins. Das Mossehaus in der Jerusalemer Straße (heute wieder leidlich rekonstruiert) war das erste innerstädtische Gebäude, das die Dynamik, die Bewegung des Straßenverkehrs in signifikante Architektur umsetzte. Die Kaufhäuser, allen voran das großartige, in den Fünfzigern frevelhafterweise abgerissene Kaufhaus Schocken in Stuttgart, aber auch jene in Chemnitz und in Breslau, das Universumkino in Berlin (heute Schaubühne) und viele andere Bauten leben ebenfalls von der im Baukörper eingefrorenen Bewegung.

Die Architektur eines Christoph Mäckler, eines Arno Lederer oder Hadi Teherani ist ohne die Einflüsse Mendelsohns nicht denkbar. Die Idee des Dynamismus, doch auch viele beliebte Details und Vokabeln der Gegenwartsarchitektur, die horizontalen Lamellen, die Gesimsbänder, asymmetrische Höhenstaffelungen und dergleichen mehr scheinen geradewegs dem Werkverzeichnis Erich Mendelsohns entnommen zu sein. So trifft die Ausstellung auf eine Architekturszene, die für Mendelsohns Ideen- und Formensprache offen ist. Schade nur, dass es einen Katalog der Ausstellung nicht gibt, wenngleich das stattliche Begleitbuch, das eine Fülle von Aufsätzen vereint, alle anderen Informationswünsche erfüllen dürfte. Auf ein Werkverzeichnis indes wird man weiterhin noch warten müssen.

Erich Mendelsohn: „Dynamik und Funktion“, bis 2. Mai, Akademie der Künste (Hanseatenweg 10), Mo 14 – 20, Di – So 11 – 20 Uhr. Begleitbuch 35 €, Lesebuch „Luise und Erich Mendelsohn“ 25 €, Führer zu seinen Bauten 7,95 €. Ein Symposion zur Ausstellung beginnt am heutigen Sonntag um 11 Uhr in der Akademie.

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