Kultur : Häuser für die Wüste

Berliner Akademie würdigt den Architekten Rolf Gutbrod

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Neuaufbau - nicht nur Wiederaufbau, das war das Ziel zahlreicher junger Architekten nach 1945. Zu ihnen zählte der Stuttgarter Rolf Gutbrod (1910-1999), der jetzt in einer Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste geehrt wird. Bewusst befreite sich Gutbrod von der Generation seiner Lehrer Paul Bonatz und Paul Schmitthenner aus der „Stuttgarter Schule“. Deren konservative Satteldachseligkeit, die heute wieder fröhlich Urständ feiert, war seine Sache nicht. Aber auch zum rechten Winkel behielt der Waldorfschüler Gutbrod eine kritische Distanz. Für ihn war stattdessen die Begegnung mit der organischen Architektur eines Hugo Häring oder Hans Scharoun prägend, die er später auch an seine Schüler in Stuttgart vermittelte - etwa Günter Behnisch.

Gutbrods Kritiker bemängelten, er habe über keine eigene Handschrift verfügt. Und tatsächlich war es keineswegs Gutbrods Absicht, mit seinen Gebäuden unverkennbar zu sein. Es entsprach nicht seiner Vorstellung, „mit einer festen Formvorstellung an die Probleme heranzugehen“, wie er selbst ausführte. Stattdessen überprüfte er das vorgegebene architektonische Programm und verbesserte es nach Möglichkeit. Vor allem setzte er sich mit der Topographie auseinander: „Was ist bedeutend in der Umgebung, wie ist das Klima, wo sind die anderen Bauten, die man berücksichtigen muss, wie ergibt sich daraus die Materialwahl.“ Die Formensprache eigener Architektur stand für ihn erst ganz am Ende dieses Prozesses. Auch darin war er ganz „Organiker“.

Doch es finden sich auch „Leitmotive“ in seinem Werk – etwa seine höchst eleganten Ecklösungen. So am frühen Loba-Haus in Stuttgart (1948/50) oder in Berlin mit dem IBM Hochhaus (1959/63) am Ernst-Reuter Platz und dem Dorland Haus (1960/64) an der Urania. Weniger Erfolg war ihm in Berlin mit der unendlichen Planungs- und Baugeschichte der Museumsbauten am Kulturforum beschieden. Neben seinen Hauptwerken, der Stuttgarter Liederhalle (1951/56), die Yehudi Menuhin als eines der besten Konzerthäuser der Welt lobte, und dem deutschen Pavillon auf der Expo 1967 in Montreal, dessen Zeltdach von Frei Otto das „Vorspiel“ für das Münchner Olympiastadion war, baute Gutbrod auch in Saudi-Arabien: Im Mekka entstand ein bemerkenswertes Konferenzzentrum, das sich in die Wüstenlandschaft einpasst. Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Gutbrods Werk steht freilich erst am Anfang. Einen Beitrag dazu leistet am 5. September ein Symposium in der Akademie, die sich mit Gutbrods Werk dankenswerterweise schon zum zweiten Mal der lange vernachlässigten deutschen Nachkriegsarchitektur annimmt. Jürgen Tietz

Akademie der Künste, bis 15. September; Werkverzeichnis Rolf Gutbrod unter www.uni-stuttgart.de/irg/gutbrod

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