Kultur : Häuslebauers Katastrophe

RICHARD STRADNER

Auf den österreichischen Kleinkunstbühnenbrettern regiert seit Jahr und Tag eine Spezies, die mittlerweile in den Status volkstümlicher Megastars hochgerückt ist: der Kabarettist.Je unglamouröser, je proletarischer, je hautnäher er an der Seele des Volkes agiert, desto größer die Erfolgsquote.Ihr längst im Parnaß österreichischer Mythen thronender Ahne heißt Helmut Qualtinger (1928 bis 1986).Anfang der sechziger Jahre kreierte er mit dem Texter Carl Merz die Figur des "Herrn Karl" und setzte damit der weinerlich aggressiven, faschistoiden Wiener Kleinerkrämerseele ein niederträchtiges Denkmal.Der Nationalkritiker Hans Weigel schrieb damals: "Der Herr Karl wollte einem Typus auf die Zehen treten, und ein ganzes Volk schreit Au!".

Nun, das Auf-die-Zehen-treten geht weiter, die Aua-Schreie allerdings sind längst einem schenkelklopfenden Lachen gewichen, schließlich ist nichts so lustig wie die Blödheit der anderen.Das alles wäre schön und schön komisch, blieben die Kleinkünstler in der Intimsphäre des Bühnenspots und würden einmal wöchentlich das Kulturprogramm der Radiosender für eine heitere Stunde lang unterbrechen.Doch spätestens seit Alfred Dorfer und Josef Hader mit "Indien" den zweiterfolgreichsten Filmspaß der Neunziger Jahre drehten, ist Österreichs Filmlandschaft nicht mehr sicher vor dem Angriff der Rohunterhaltung auf die Off-Kinos der Nation.Was zur Folge hat, daß Komödien, die das Niveau von TV-Serien besitzen, die Leinwände mit einer Sorte Klamauk besudeln, die immer gerade noch die Gürtellinie hält.Gerade das studentische, in Österreich nicht eben filminteressierte Publikum ist es, das sich an diesen nestroyesken Grimassenstücken aus dem kleinbürgerlichen Vorstadtmilieu, dem es oft selber entstammt, am meisten erheitert.

So auch läßt sich der Erfolg des inszenierten Dokumentarstils von Ulrich Seidl (zuletzt mit "Models" auf der Berlinale) und Michael Glawogger (dessen "Frankreich, wir kommen!" die jüngste österreichische Filmschau eröffnete) begründen.Das Publikum lacht über Menschen, deren nähere Bekanntschaft es sonst tunlichst vermeidet.Erst die sichere Distanz des isolierenden Kamerablicks, der diese Herren und Frauen Karls von nebenan ins karikaturhaft Monströse steigert, ermöglicht jene Form frivolen, weil erkenntnisfreien Lachens (die analytisch gewitzte Variante bilden etwa die semidokumentarischen Arbeiten des auteur comique Luc Moullet).

Der erfolgreichste Film der Dekade ist wohl schon jetzt "Hinterholz 8" (Regie: Harald Sicheritz, bekannt im Lande durch die populäre TV-Serie "Kaisermühlen Blues") ein "Häuslbauer-Passionsspiel" aus dem Wienerwald, das mit über 600 000 österreichischen Besuchern aller Rekorde schlug.Nun erprobt es in deutscher Untertitelung des Wiener Arbeiter-Milieu-Slangs seine Kompatibilität fürs mit Komödien dieser Art gut versorgten deutschen Publikums.Die Story vom Kleinverdiener mit Frau und Kind, der vom Einfamilienhaus träumt und schließlich vor einem einzigen Ruinenberg sitzt, aud dem ihn nur noch, deus ex machina, die gute Raumschiff-Mannschaft aus dem Weltall zu erretten vermag: In Gebieten mit hoher Einfamilienhausdichte und gewisser Mentalitätsnähe zu Österreich wie Hessen, Schwaben oder Bayern mag das gut funktionieren.Die Berliner dürften sich eher an den menschlichen und sprachlichen Exotismen dieser Kleinbürgerhochzeit von Kabarett und Anarchie erfreuen.

Im Vergleich mit dem bierbauchig gemütlichen Komödiantentum eines Gerhard Polt muß man dem Kollegen aus Österreich zumindest einräumen: Er hinterläßt Spuren.Auch wenn es nur die der Selbstzerstörung sind.Das freilich bildet die Essenz aller Werke des österreichischen Filmemachers, der international die größte Anerkennung hat: Michael Haneke.

Auf elf Berliner Leinwänden; Kant (OmU)

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