Kultur : „Haider hat den Bogen überspannt“

Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth über den Wahlsieg der ÖVP, Kanzler Wolfgang Schüssel und seinen Roman „Der Strom“

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Herr Roth, hat Sie das Ergebnis der gestrigen Nationalratswahl überrascht?

Ja, insofern ich mit dem Gegenteil gerechnet hatte. Ich glaubte, die Sozialdemokraten würden den Prozentsatz der ÖVP erreichen.

Wie erklären Sie den Erfolg von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel? Werden sich die Intellektuellen und Künstler mit ihm arrangieren?

Arrangieren werde ich mich mit niemandem. Der Erfolg ist aber recht einfach zu erklären: Wenn man sich anschaut, wie viele Prozentpunkte er gewonnen hat, sind das genau jene zwei Drittel, welche die FPÖ verloren hat. Die Implosion der FPÖ geht zurück auf die schwere Auseinandersetzung innerhalb der Partei wenige Wochen vor der Wahl. Diese Flügelkämpfe zwischen dem eher liberalen und dem eher nationalen Teil gewann der nationale. Der liberalere schied aus der Koalition aus. Offenbar hat Haider den Bogen überspannt. Seine Anhänger sind ihm nicht mehr gefolgt. Das ist für mich das einzig Positive am Wahlausgang.

Besteht die Gefahr einer Radikalisierung der restlichen FPÖ?

Die Frage ist, was die FPÖ als Nächstes unternimmt. Es gibt dort eine Gruppe, die sich gerne weiter an der Regierung beteiligen würde, aber das wird nur gegen Haider möglich sein: Er hat mit Schüssel eine persönliche Auseinandersetzung. Mir ist bei dem Gedanken, dass die restlichen nationalen zehn Prozent der FPÖ in der Regierung weitere vier Jahre arbeiten können und in der Beamtenschaft Posten besetzen, unangenehm.

Wäre Ihr Wunsch die große Koalition gewesen oder RotGrün?

Mein Wunsch war, dass die schwarz-blaue Regierung unter einer starken sozialdemokratischen Führung abgelöst wird. Das hat damit zu tun, dass Österreich seit 650 Jahren, von den Tagen der Monarchie an, immer konservativ regiert wurde, 30 Jahre Sozialdemokratie ausgenommen. Österreich ist ein konservatives, ein katholisches Land. Diesmal hat alles zusammengespielt.

Was ist mit der SPÖ los? Traut sie sich die Macht nicht mehr zu?

Ich glaube, dass diese Wahl von zwei Dingen beeinflusst war: Das Erste war Rot-Grün in Deutschland. Das hatte in den letzten Tagen Zeitungsinserate der ÖVP zur Folge, die vom rot-grünen Chaos sprachen. Zum Zweiten spielt eine Rolle, dass die Gewerkschaften in diesen drei Jahren, die Schwarz-Blau regiert hat, ein klägliches Bild boten.

Sie wurden für Ihren 1995 erschienenen Roman „Der See“, den Auftakt des sechsbändigen Zyklus „Orkus“, heftig von rechts kritisiert. Die folgenden Romane „Der Plan“, „Der Berg“ und jetzt „Der Strom“ spielen in Japan, auf dem Balkan und in Ägypten. Haben Sie genug von österreichischen Schauplätzen?

Überhaupt nicht. „Der See“ ist eine Art Odyssee. Der Sohn sucht seinen Vater, den Odysseus, ironischerweise im Neusiedler See, der auch das „Meer der Wiener“ genannt wird. In „Das Labyrinth“, dem Buch, an dem ich gerade arbeite, geht diese Suche bis nach Spanien weiter und endet dann in Wien. Das war so geplant, unabhängig von den politischen Umständen. Dabei wäre ich manchmal gerne von meinem Plan abgewichen und hätte etwas über das Land schreiben wollen. Aber in Splitterform habe ich es eingearbeitet – auch in „Der Strom“.

Was hat es mit dem Kapitel über die Papierfabrik auf sich, das Sie in Berlin lesen werden?

Für mich ist diese Papierfabrik identisch mit Österreich. Die Hauptfigur Thomas Mach ist der Sohn einer Papierdynastie wie der FPÖ-Politiker Prinzhorn. Es ist eine Firma, die sich durch das verrät , was sie gemacht hat. Denn sie hat in jeder Staatsform das jeweils Opportune gedruckt: zunächst Monarchisches, in der Ersten Republik Christkatholisches, in der Nazizeit den „Stürmer“ und nach 1945 die „Wahrheit“ der Russen, später die Bibel und Toilettenpapier. Interessanterweise hat sich die Bertelsmann-Geschichte, als das Buch gerade auf dem Markt war, ähnlich dargestellt: Aus den Dokumenten, die der Verlag selbst publiziert hat, kann man auf seine Geschichte schließen.

Gerhard Roth liest heute um 20 Uhr im Literaturhaus in der Berliner Fasanenstraße aus seinem Roman „Der Strom“ (S. Fischer Verlag). Das Gespräch führte Katrin Hillgruber.

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