Kultur : Haikus & Mikros

Japan und der Westen: Die Berliner MaerzMusik stochert in der Kluft der Kulturen. Ein Resümee

Christine Lemke-Matwey

Vom Buffet grüßt ein Schnittlauchbrot. Das Scheinwerferlicht lässt die Butter violett erglänzen, das Grün sieht schütter aus und krümelig. Es ist Viertel vor zehn am Sonntagabend im Haus der Berliner Festspiele, das Abschlusskonzert der MaerzMusik geht gerade in die verdiente Pause – und ob sich hier noch jemand des gebogenen Brotes erbarmen wird, dürfte fraglich sein. Denn mit dem Kulinarischen so ganz im Allgemeinen, mit Formen und Ritualen der Kommunikation hat dieses fünfte Berliner Festival für aktuelle Musik nicht eben viel am Hut – „Japan“ hin, „der Westen“ her.

Immer wieder etwa versinkt das Deutsche Symphonie-Orchester an diesem Abend zwischen Tôru Takemitsus untergründig schillernden, süffigen Filmmusiken in untätiges Brüten – der Live-Übertragung auf Deutschlandradio Kultur wegen, wo ein Moderator die Hörerschaft über die einzelnen Filmtitel offenbar detailliert in Kenntnis setzt. Das Publikum im Saal hingegen hat keine Chance, zu erfahren, was Ryusuke Numajiri gerade so emsig dirigiert: Zum Lesen im Programmbuch ist es schlicht zu dunkel, und erklären tut einem hier niemand etwas. Doch, halt, kaum gehen die Pausenlichter an, betritt Matthias Osterwold die Bühne, die Leinwand, sagt er mit sonniger Festivalleiter-Miene, würde nun an die Rampe vorgerückt, auf dass die Filmausschnitte des zweiten Teils richtig gut zu sehen seien. Da hat manch einer freilich schon den Hut in der Hand.

Es mag nicht gerade trendy sein, in der hoch subventionierten hauptstädtischen Festival-Szene über Form- und Bedenkenlosigkeiten zu klagen. Außerdem purzeln einem die Gegenargumente ja förmlich von der Zunge. Ist unser alltäglicher (bürgerlicher) Konzertbetrieb denn nicht ritualisiert und formatiert genug? Geht es gerade in der Neuen Musik nicht darum, auf der Suche nach dem Publikum der Zukunft alle erdenklichen Schwellen zu senken – und zwar radikal? Und ist der Berliner MaerzMusik-Freund nicht per se Spezialist und also ein wissend Liebender, ein liebend Wissender, der so schnell keine Zumutung scheut?

Die aktuellen Zahlen, mit Verlaub, sprechen dafür. Mit über 10 000 Besuchern zwischen 16. und 26. März, so melden gestern die Berliner Festspiele, konnte der „hohe Stand der letzten Jahre mehr als gehalten werden“. Als besonders positiv wird auch 2006 die „gemischte Publikumsstruktur“ vermerkt, die rund 30 Veranstaltungen mit viel Musiktheater und großen Orchesterkonzerten hätten erneut „international und generationenübergreifend“ Anklang gefunden. Dieser Erfolg sei Matthias Osterwold und den Seinen von Herzen gegönnt. Allein, mit ein bisschen mehr Sorgfalt und Sensibilität bei der Organisation des Drumherum, mit etwas mehr offensivem Vermittlungs-, ja Verpackungsgeschick wäre dieser leichterdings noch zu steigern.

So ist es beispielsweise nicht selbstverständlich, dass das Publikum eine Klanginstallation und Performance wie Akio Suzukis „tsu ra na ri N° 2“ zur Eröffnung mit Gleichmut über sich ergehen lässt. Steine auf metallenen Blumenetageren (ohne Blumen), hier ein dumpfes Wabern, da ein Knacken, dort ein schreitender Komponist – so wird einem rasch klar, dass Festival-Motti wie „Interkulturalität“ oder „Japan und der Westen“ allein noch lange nicht für Qualität bürgen. Auch Rolf Julius’ „Piano Piece N° 3“ mit der hoch akklamierten Aki Takahashi am Klavier unterstrich diese Erkenntnis aufs Peinlichste.

Ebenso fragte man sich ein paar Tage später, ob es wohl nötig sei oder das eigene Kunsterleben gar steigere, wenn man sich zur zweiten Darbietung von John Cages „18 Microtonal Ragas“ in den Sophiensälen bis kurz nach Beginn um 22 Uhr in einem mäßig beheizten, vollständig verqualmten Vorraum bedrängeln lassen muss. Auch was drinnen folgt, vermag jenseits seiner historischen Bedeutung (noch nie war der Zyklus aus dem Jahr 1970 komplett aufgeführt worden!) wenig zu entschädigen: 70 Minuten mal mehr, mal weniger affektgeladene indische Dhrupad- Gesänge, von Amelia Cuni mit schier übermächtiger Konzentration und in wallenden flamingofarbenen Gewändern dargeboten, dazu Perkussion und Elektronik. 48 unverhohlen imperialistische Kompositionsstudien, wenn man so will, die schamlose Ausbeutung exotischer Klänge zur Feinjustierung der eigenen avantgardistischen Gebärdensprache. Und also ist die ganze Interkulturalität, dieses sagenhafte sich Durchdringen ferner, unerschlossener Welten schon bei Cage nur Alibi, Kunstgriff, Legende?

In einer Zeit, in der gerade klassische Musiker, gerade Komponisten längst auf funkelnde Patchwork-Biografien und -Werdegänge zurückblicken, mag es ohnehin anachronistisch anmuten, von fernem Osten und nahem Westen zu sprechen, von Folklore hier und Avantgarde da – oder umgekehrt. Das Konzert des Berliner Sinfonie-Orchesters unter Johannes Kalitzke im (jämmerlich besetzten) Konzerthaus indes zeigte, dass unsere Ohren hier sehr wohl zu sortieren gelernt haben. Wobei nicht in erster Linie fremde und vertraute Klänge als ästhetische Kategorien fungieren, sondern vielmehr die Art, kompositorisch zu denken.

Denn während Hans Zender in seinen „5 Haiku“ für Flöte und Streichorchester in bewährter Manier vor sich hin strickt und bosselt, wollen die Kurzstücke der beiden jungen Japaner Atsuhiko Gondai und Masakazu Natsuda buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand. Eine hoch getrimmte Expressivität, die sich selbst genug ist, riesige Crescendi, die zu rein gar nichts führen, heißkalte Rechenschiebermusiken als Behauptung, ja als Provokation. Fast ist man ein bisschen traurig, dass sich mit Toshio Hosokawas „Wind from the Ocean“ (sic!) hier nach der Pause jegliche Frechheit wieder legt. Etwas Alban Berg, ach ja, viel Mahler, ein Ich, das weht und läutet und spricht, überhaupt: das erzählerische Moment, das den Hörer an die Hand nimmt – als hätte der Westen den Osten eben doch längst gefressen, ja als ernährte sich der Mensch auf der ganzen weiten Welt von nichts als Schnittlauchbrot. Was nachweislich nicht stimmt. Aber auch darüber wird uns die MaerzMusik sicher weiter auf dem Laufenden halten.

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