Hailu Mergia im Berliner Urban Spree : Aus dem All

Der äthiopische Soundpionier Hailu Mergia gab mit Schlagzeuger Tony Buck und Kontrabassist Mike Majkowski ein grandioses Konzert im Berliner Urban Spree.

Volker Lüke
Der in den USA lebende äthiopische Musiker Hailu Mergia.
Der in den USA lebende äthiopische Musiker Hailu Mergia.Foto: Promo

Immer wenn man glaubt, man hätte die Welt erfasst, tauchen von irgendwoher die unbekannten Klänge eines verlorenen Musikers auf, der plötzlich wieder aufgetaucht ist. So wie Hailu Mergia, der in den Siebzigern einer der bekanntesten Musiker Äthiopiens war. Als Leader der legendären Walias Band, zu der auch mal Ethio-Jazz-Begründer Mulatu Astatke gehörte, spielte der Keyboarder in den angesagtesten Hotelbars der Hauptstadt Addis Abeba, begleitete Manu Dibango und jammte mit Duke Ellington. 1982 nutzte er eine USA-Tour, um dem diktatorischen Regime in der Heimat zu entkommen. In Washington DC betrieb er zunächst einen Nachtclub und spielte auf Hochzeiten, bevor er sich in den Neunzigern zur Ruhe setzte, gerade als das französische Label Buda Records begann, mit seiner „Ethiopiques“-Albenreihe den Schatz äthiopischer Musik zu heben, die durch den Soundtrack von Jim Jarmuschs "Broken Flowers" auch in Europa einen Schub bekam.

In den letzten 20 Jahren arbeitete er als Taxifahrer. 2013 spürte ihn Brian Shimkowitz vom rührigen Label Awesome Tapes From Africa auf, um sein 1985 als Kassette erschienenes Album „Hailu Mergia & His Classical Instrument“ wiederzuveröffentlichen. Ein Meisterwerk, das die Akkordeonmusik seines Landes mit dem Einsatz von Synthesizer und Drummachine in neue Dimensionen führte und dem 68-Jährigen ein Comeback beschert, das ihn auch für ein Konzert ins rappelvolle Urban Spree führt. Begleitet wird er von Schlagzeuger Tony Buck und Kontrabassist Mike Majkowski. Das hochenergetische Rhythmus-Duo entfaltet eine Wucht, die Mergia zu temperamentvollen Ausbrüchen an diversen Tasteninstrumenten anspornt. Wehmütige Akkordeonstücke wechseln sich ab mit einem mitreißenden Orgel-Gebrodel. Stile und Zeitströmungen schieben sich übereinander bei dieser coolen Inszenierung aus heftig swingenden Jazz- Standards, psychedelischem Funk- Groove und folkloristischem Akkordeon- Schmiss, mit perlenden Melodieläufen, die für die äthiopische Musik so typisch sind, getragen von dunkel rollenden Basslinien und mächtig polternden Trommelwirbeln – es fetzt bis ins letzte Detail.

Die Musiker wühlen sich in die Melodie hinein, sie wird zerdehnt und aufgefächert, auf den Punkt vorwärtstreibend oder schunkelwalzerartig zum Schwof einladend. Dabei entsteht eine Dynamik, die neben hypnotischen Passagen Raum für locker gehäkelte Improvisationen lässt. Manchmal klingt es wie Sun Ra, der mit seiner Outer-Space-Orgel auf einer äthiopischen Hochzeit gelandet ist. Oder wie Jimmy Smith, den es in einen Jazzkeller von Addis Abeba verschlagen hat, wo er mit zwei heimatlosen Australiern zum Tanz aufspielt. Ich war noch nie auf einem besseren Konzert.

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