Kultur : Halali

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

Wynton Marsalis und seine Kritiker

Eine Überbewertung des MarsalisFaktors, durch schwarze Kulturkompetenz zu gesellschaftlicher Anerkennung zu gelangen, führte in den letzten Jahren zu übertriebenen Hoffnungen auf gut dotierte Posten für Schwarze in der amerikanischen Hochkultur. Als der Jazzautor David Hajdu kürzlich im Magazin „Atlantic Monthly“ versuchte, Wynton Marsalis vom Thron zu stoßen, ergriff einer der führenden amerikanischen Jazzkritiker und Marsalis-Widersacher, Gary Giddins, Partei für den Trompeter. Hatte Hajdu Marsalis als Midlife-Speck ansetzenden, kraftlosen und – nach zwei gescheiterten Ehen und einer gerade geplatzten Verlobung – als beziehungsunfähigen Mann gezeichnet, warnt Giddins vor der Sorte Musikjournalismus, die auf der Suche nach dem nächsten Hype das Gespür für Kompetenz und Verantwortung verliert. Giddins wurde bei den Jazz Awards der amerikanischen Jazzjournalistenvereinigung, die vor gut einer Woche im New Yorker Club B.B. King´s vergeben wurden, als bester Jazzautor ausgezeichnet, Hajdu war nicht mal nominiert.

Wynton Marsalis hat gerade bei Blue Note einen neuen Plattenvertrag unterzeichnet, nachdem die langjährige Beziehung mit Columbia Records (Sony) in die Brüche gegangen war. Der Mann, der Marsalis vor über 20 Jahren für Columbia unter Vertrag nahm, heißt Bruce Lundvall. Er ist heute der Chef von Blue Note, gerade als Jazzfirma des Jahres ausgezeichnet, und setzt große Hoffnung auf das kreative Potenzial des Trompeters und Komponisten. Mit seinem superb besetzten Septett ist Marsalis in dieser Woche zu zwei exklusiven Club-Gigs in Berlin. Der Trompeter wird am Donnerstag und Freitag im Soultrane (jeweils 21 Uhr) auch neue Stücke spielen, die es vielleicht auf seine CD schaffen, die Anfang 2004 erscheinen soll.

Vor zwei Wochen hatte „Hard Groove“, die neue CD des Trompeters Roy Hargrove im legendären Apollo Theater in Harlem große New York Premiere. In weißem Anzug und mit reichlich Soulbrother-Attitüde zelebrierte Hargrove mit seiner neuen exzellenten Band eine Mischung aus Miles-Davis-Sounds der frühen Siebzigerjahre und D´Angelo-Soul der späten Neunziger. Hargrove, der Balladen über alles liebt, kommt morgen in den Tränenpalast (20 Uhr). Er hat eine neunköpfige Band mit zwei Schlagzeugern und eine Sängerin dabei, singt aber auch selbst.

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