Kultur : Halb Dandy, halb Denkmal

Mikrokosmos einer Malerfamilie: Die Ausstellung „3 x Tischbein“ im Leipziger Bildermuseum

Michael Zajonz

Wer kennt ihn nicht, den Dichterfürsten, der wie ein Marmorblock inmitten antiker Ruinen lagert? Johann Heinrich Wilhelm Tischbein malte 1786/87 das berühmte Bild „Goethe in der Campagna“. Lange gehörte das während Goethes Italienreise entstandene Porträt zu den beliebtesten Bildern der Deutschen; tausendfach reproduziert, schmückte es Keksdosen oder die Wand hinterm Sofa.

Steht man vor dem Original, das gewöhnlich im Frankfurter Städel hängt, ist man eingeschüchtert. Eingeschüchtert durch die herrische Größe des Querformats, eingeschüchtert auch von der Arroganz des 37-jährigen Dichters, der im wollweißen Umhang mit grauem Schlapphut in der Liegehaltung eines antiken Philosophen posiert. Tischbein malte ihn so, wie sich Goethe vermutlich selbst gern sah: halb Dandy, halb Denkmal eines universellen, Geschichte und Natur versöhnenden Bildungsanspruchs.

Goethes ins Ideal entrücktes Konterfei gehört zu den Hauptwerken der Ausstellung „3 x Tischbein“, die nach einer Station in Kassel nun im Leipziger Museum der bildenden Künste zu sehen ist. Drei Mal Tischbein heißt: Gemälde und Grafiken von Johann Heinrich d. Ä., dem „Kasseler“ Tischbein, Johann Friedrich August, dem „Leipziger“ Tischbein, und Johann Heinrich Wilhelm, genannt „Goethe-Tischbein“. Deutsche Malerei von der Mitte des 18. Jahrhunderts, als sich das französische Rokoko zum europäischen Geschmacksphänomen weitet, bis zur frühen Biedermeierzeit; ergänzt um einige Werke französischer, italienischer und englischer Weggefährten. Der Mikrokosmos einer Malerfamilie, deren Mitglieder über drei Generationen hinweg mehrheitlich die traditionelle Sicherheit einer Anstellung bei Hofe suchten und doch dem neuen Leitbild autonomer bürgerlicher Kunst zustrebten.

Die Anfänge sind bescheiden. Fünf von sieben Söhnen des Spitalbäckers Johann Heinrich Tischbein aus Haina bei Kassel lernen das Malen, nicht an einer Akademie, sondern bei regionalen Tapeten- und Dekorationsmalern. Unter ihnen beschreitet Johann Heinrich, der „Kasseler“ Tischbein, am konsequentesten den Weg zum freien Künstler. Ein adliger Förderer ermöglicht ihm acht Jahre Studium in Paris, Rom und Venedig.

1753 avanciert Johann Heinrich zum Hofmaler von Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel. 1777 ernennt ihn dessen Nachfolger zum Direktor der neugegründeten Kasseler Kunstakademie. Beim älteren Tischbein beginnen auch die Neffen Johann Friedrich August und Johann Heinrich Wilhelm ihre Ausbildung. Aus politischer und ökonomischer Not wird es beiden später kaum je gelingen, irgendwo längere Zeit sesshaft zu bleiben.

Kunst in Zeiten des Epochenumbruchs: Nachvollziehbar wird der Wandel vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild weniger in den damals hoch geschätzten Historienbildern, die in ihrer mal frivolen, mal beflissenen Adaption biblischer oder antik-mythologischer Stoffe heute eher fad erscheinen. Offenkundig wird er vielmehr als Mentalitätsschub in den Porträts. Zwischen der Camouflage höfischer Amts- und Ordensträger, die Tischbein d. Ä. in spätbarockes Pathos hüllt, und den jungen Individualisten, deren Empfindsamkeit vor allem der „Leipziger“ Johann Friedrich August freilegt, liegen nicht nur Jahre, sondern Welten.

Näher sind uns die Bilder des Nachgeborenen allemal, schließlich erzählen sie vom privaten Glücksanspruch. In Johann Friedrich Augusts um 1800 entstandenen Bildnissen sich natürlich gebender Prinzessinnen oder familiensinniger Bankiers und Handelsherren wird die Utopie vom Miteinander der Geschlechter und Generationen formuliert. In den Gruppenporträts von Tischbeins eigener Familie – drei davon sind in Leipzig zu bewundern – scheint sie eingelöst. Bezeichnend der Rückgriff auf den kunstgeschichtlichen Topos der „Heiligen Familie“ im Familienbildnis von 1797, in dem Tischbeins Frau Sophie im Beisein des Gatten dem Sohn Carl Wilhelm ostentativ die Brust gibt. Johann Gottlieb Fichte schreibt 1796 in den „Grundlagen des Naturrechts“: „Der Mann und die Frau sind innigst vereinigt. Ihre Verbindung ist eine Verbindung der Herzen und der Willen.“ Im Schutzraum trauter Häuslichkeit, lassen uns diese Bilder glauben, zeigt man, was man fühlt.

Und fühlt, was man denkt. Auch Vetter Johann Heinrich Wilhelm, der unter Goethes Einfluss an verkopfter klassizistischer Konzeptkunst feilt, findet mit Blick auf nächste Angehörige zu einer genial simplen Bildidee. In „Einer den andern gemalt“ von 1782, dessen Titel wörtlich zu nehmen ist, zeigt er sich und seinen jüngeren Bruder Heinrich Jacob, angeregt diskutierend im Zürcher Atelier. An dessen Rückwand messen die Porträts von Lavater, Geßner und Bodmer, den Helden der Schweizer Aufklärung, den gemeinsamen geistigen Resonanzraum aus. Geschwister, so die Botschaft des Gemäldes, müssen sich fortan als gleichberechtigte Freunde bewähren. Die Moderne erreicht die Familien. Fressen wird sie sie nicht.

Leipzig, Museum der bildenden Künste, bis 5. Juni, Katalog (Hirmer-Verlag) im Museum 27,90 Euro.

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