Kultur : Halb gezogen, halb gesunken

Sybill Mahlke

Das Stück handelt nicht vom Teufelspakt und nicht von des Pudels Kern. Nach heutigen Theaterbegriffen ist es geradezu absonderlich, wie sich der Mephistopheles in Robert Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" einführt: "Es ist wohl Zeit zu scheiden", sagt er in der Gartenszene, und die Mahnung klingt nichts als besorgt, ähnlich der, die eine Brangäne an ihre Herrin Isolde richtet. Mephisto bleibt eine Randgestalt. Faust aber als Idealbild des menschlich strebenden Geistes darzustellen, gleichsam schicksallos, heißt für Schumann dennoch, die Dichtung als bekannt vorauszusetzen. Die ganze Gretchentragödie, also auch die Verfehlung Fausts, liegt in der seufzend erregten Bratschenfigur, die das Gebet des Mädchens vor der Mater dolorosa charakterisiert.

Claudio Abbado favorisiert das Werk so sehr, dass er es (mit Hilfe der Deutschen Bank) nun wiederholt in seiner Berliner Philharmoniker-Ära aufgegriffen hat. Was Fischer-Dieskau einmal treffend als "Glasfenster-Charakter" einer Abteilung der Faust-Musik bezeichnet (die er indes im Ganzen mit viel Zuneigung betrachtet), versucht auch Abbado in jedem Moment zu differenzieren. Was für ein Aufgebot: Zehn Gesangssolisten, mit mehreren Rollen betraut, zwei aus Schweden angereiste Chöre (Rundfunk und Eric Ericson), dazu Engel und "selige Knaben" als Tölzer Abordnung, nicht zuletzt die Berliner Philharmoniker, deren Solocellist Ludwig Quandt und Oboist Albrecht Mayer in der Partitur besonders hervortreten. "Was schulde ich nicht alles Goethen" - Schumann vertont wörtlich, wählt aber nach den wenig dramatischen Momenten Religiosität, Natur, Erlösung aus.

Und das Verklären will nicht enden. Insistierend tönt die ganze Bühne: "Zieht uns hinan." Davor aber melden sich die kostbaren Stimmen von Karita Mattila als Gretchen, Rainer Trost als Ariel, Kurt Moll als Pater Profundus ("tiefe Region", der Dichtung gemäß). Als Faust und Doctor Marianus abendfüllend im Einsatz, bringt Thomas Quasthoff Spannung, Nuance und eine Art von neuer Unschuld in die Zeilen aus dem "Zitatenschatz".

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