Kultur : Halb Klageweib und halb Sirene

ROMAN RHODE

Schönheit, so glaubten die Azteken im alten Mexiko, sei deshalb so eng mit der Schwermut verwandt, weil sie ebenso vergänglich ist wie das Leben.Noch heute lebt diese Idee in der mexikanischen Populärmusik fort, und Sänger wie José Alfredo Jiménez, Irma Vila oder Chavela Vargas haben gezeigt, daß diese Musik weniger die fröhliche Bamba als vielmehr die melodramatische Stimmung sucht.Chavela Vargas etwa, die große alte Dame der Ranchera, besingt mit ihrem Sentiment und ihrer gebrochenen Stimme eine Welt, die durch gewalttätige Liebe, Eifersucht und Schmerz beherrscht ist.Einziger Trost darin: die Tequila-Flasche.

Seit Beginn des Jahrhunderts sind die Rancheras Ausdruck jener Menschen geworden, die ihr Land verlassen mußten, sich in der fremden Großstadt jedoch verloren haben.Daß es noch jemand schaffen würde, diesen zärtlichen Pessimismus auf ähnliche Art und Weise wie Vargas in die hohe Kunst der Ballade zu überführen, hatte man bisher kaum für möglich gehalten.Doch mit der jungen Sängerin Lhasa Sela zeichnet sich ein wunderbarer Generationswechsel ab.Als Tochter eines mexikanischen Literaturprofessors und einer amerikanischen Fotografin verbrachte sie ihre Kindheit im Wohnmobil der Eltern, das zwischen Kalifornien und Mexiko pendelte.In San Francisco begann Lhasa schon mit 13 Jahren zu singen, später lernte sie Jazzgesang.Ihre Vorbilder: Billie Holliday, das US- Pendant zu Chavela Vargas, und - Tom Waits.Wieviel Alkohol bei ihren Lehrjahren im Spiel war, ist weder bekannt noch relevant.Jedenfalls lotet Lhasas betörend rauchige Stimme Leid und feuerzüngelnde Leidenschaft in einer Tiefe aus, die bei der 27jährigen Sängerin schlichtweg überrascht.

Mit ihrem ersten Album "La Llorona", das in ihrer aktuellen Wahlheimat Montreal entstanden ist, bezirzte sie im letzten Jahr ganz Kanada und Frankreich.Nicht von ungefähr bezieht sich der Titel ihrer Platte auf die sagenhafte aztekische Frauengestalt, die, halb Klageweib, halb Sirene, all jene Männer in Steine verwandelt haben soll, die sich ihrem verführerischen Gesang näherten.Zugleich ist "La Llorona" in Mexiko ein volkstümliches Lamento, in das sich tragische Verszeilen vorzüglich einbauen lassen.Lhasa jedoch gestaltet das Pathos ihrer Ursprungsheimat weltläufiger.Zusammen mit dem kanadischen Gitarristen Yves Desrosiers hat sie eigene Lieder geschrieben, die im Arrangement manchmal auch ihre Nähe zu anderen Melancholikern des Planeten verraten: den spanischen Flamencos mit ihrem Cante jondo, den Tangueros aus Argentinien oder den jüdischen Klezmorim mit ihrer klagenden Klarinette.Dazu gesellen sich Banjo und eine unheilverkündende Slide-Gitarre, die hin und wieder, zwischen Tex und Mex, einen Abstecher ins Gebiet der Country-Ballade unternehmen.Bei all dem mag Lhasa selbst an die mythische Vorläuferin der "Llorona" erinnern.Das war Cihua- coatl, die Frau des alten Gottes Quetzalcoatl, der in Gestalt einer gefiederten Schlange die Verbindung von Erde und Himmel darstellte.Dazwischen schummelte sich die schöne Cihuacoatl mit ihrer seufzenden Schwermut und verkörperte den Wind.Der Gesang von Lhasa allerdings ist so eruptiv wie ein Vulkan.Und ihre Texte fließen wie glühende Lava - mitten ins Herz.Viva el Tequila!

Morgen, 20 Uhr, in der Passionskirche

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