Kultur : Halb volle Gläser

Sigrid Nebelung

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Auf dem Kunstmarkt ist es immer "halbvoll": Der Handel mit der schönsten Sache der Welt lebt vom Optimismus. Dennoch ziehen die Galeristen zur Halbzeit der Kölner Kunstmesse sehr unterschiedliche Bilanzen. Freut sich die Edition Staeck (Heidelberg) über die neue Serigraphie "Preisvergleich" von Sigmar Polke (Aufl. 75, 2800 Mark): "Wir können nicht klagen, aber bei uns hören die Preise auf, wo sie woanders anfangen", leidet dagegen Karsten Greve (Köln, Paris, Mailand, St. Moritz) sichtlich unter der Käuferabstinenz. Sind Louise Bourgeois, Jannis Kounellis und Cy Twombly, seine hochpreisigen Stars der Kunstszene, einfach zu teuer in unsicheren Zeiten?

Die Berliner Galerien scheinen in Köln mehr Fortune zu haben. Michael Schultz hat den "Adler" von Georg Baselitz (1982, 1,3 Millionen Mark) "fast verkauft". Auch Bilder von A. R. Penck und Cornelia Schleime wechselten den Besitzer. Der Kunstmarkt habe nach dem 11. September eine neue Wertigkeit bekommen, meint Schultz, "die Kunstkäufe sind nun weniger spekulativ als wertorientiert." Rüdiger Küttner von der Galerie Berlin bilanziert nach drei Messetagen neun Verkäufe, darunter die furios gemalte Chimäre eines "Reiters" von Hartwig Ebersbach (2001, 30 000 Mark) und Walter Libudas "Schuh" (2001, 25 000 Mark). Erfolge meldet auch die auf chinesische Kunst spezialisierte Galerie Asian Fine Arts. Bereits am dritten Messetag hat sie den Vorjahresumsatz erreicht, "und der war sehr gut".

Doch auch Nicht-Berliner wie Jiri Svestka aus Prag kommen zum Zuge, etwa mit Zeichnungen des kubistischen Bildhauers Otto Gutfreund (1889-1927). Was könnte beredter an die Kafka-Zeit erinnern, als das Motiv eines alten Füllfederhalters mit Tintenfass auf dem Papier der Landesversicherungsanstalt der mährischen Markgrafschaft? Die melancholischen Fotos der jungen Marketa Othova aus Prag wurden als Serie verkauft. "Bis jetzt ist es für uns wunderbar gelaufen", resümierte Svestka.

Die handlichen Formate des obsessiven Hamburger Künstlers Jonathan Meese (31), darunter ein flammendes Selbstporträt als Vincent Van Gogh, gehören zu den begehrtesten Bildern auf der Messe (bei Leo Koenig, New York, Karlheinz Meyer, Karlsruhe oder Contemporary Fine Arts, Berlin, Preise je nach Größe um 11 000 Mark). Als jüngste Entdeckung der Art Cologne wird Bettina Flitner gefeiert. Ihre Förderkoje mit der Installation "Ich bin stolz ein Rechter zu sein" erweist sich ebenso als Publikumsmagnet wie ihre Foto-Serie "Mein Denkmal" bei der Hamburger Galerie von Loeper (Aufl. 25, 790 Mark). Flitner stellte dazu Frauen im Osten und Westen Berlins die Frage: Haben Sie ein Denkmal verdient? Wenn ja, wofür? Die Anworten sind vielfältig: Margarethe Schulze aus Zwickau, Mutter von sechs Kindern von drei Ehemännern, inszeniert sich als alte Frau mit Engelsflügeln. Die Künstlerin trifft offenbar einen Nerv: rote Verkaufspunkte und Menschentrauben vor den kurzen Texten.

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