Kultur : Halbe Herzen

Die Galerie Alexander Ochs zeigt aktuelle Malerei aus China

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Die Sommerschau der Galerie Alexander Ochs trägt den Titel „Chinese“. Hinter dem Wort sitzt ein hochgestelltes Sternchen. Eine Fußnote und ein Warnhinweis: Bitte die Zutaten beachten! In der Ausstellung geht es um drei junge Maler, die zwar in China geboren wurden, aber in Europa aufgewachsen sind oder hier studiert haben. Wie viel China steckt noch in dieser Kunst, fragt also die Ausstellung.

Während Künstler aus China Anfang der Neunziger vor allem damit beschäftigt waren, schockierende Themen zu finden und Beziehungslinien zur westlichen Kunst zu entwickeln, haben die Jungen das nicht mehr nötig. Ihre kulturellen Einflüsse sind divers, sie kennen Mao und den Prenzlauer Berg. Damit ändern sich auch ihre Bildwelten. Keiner von ihnen malt noch Mao-Köpfe oder verstümmelte Körper, chinesische Stereotype also, für die bis 2008 Höchstpreise bezahlt wurden. Dieser Boom ist vorbei. Das lässt sich auch an Pekings Künstlerviertel 798 beobachten, wo heute Bilder verramscht werden.

Chinakenner Alexander Ochs, der 798 längst verlassen hat und mit seiner Pekinger Dependance White Space Beijing in das von Ai Weiwei gebaute Künstlerviertel im Chaoyang District gezogen ist, interessiert an den Werken seiner Neuzugänge vor allem die Mischung aus chinesischer und westlicher Kultur. „Ihnen gehört ein Stück Zukunft“, meint der Galerist. Ce Jian ist in Shandong geboren, in Berlin aufgewachsen und hat hier an der Universität der Künste studiert. Ihre Gemälde sind locker und expressiv, die Themen analytisch. Sie überzieht einen Hundekopf mit technisch anmutenden Hilfslinien. Das könnte ein chinesisches Thema sein: der Einheitszwang, die fehlende Individualität. Man kann aber auch an biometrische Vermessung und Raster denken, Themen, die ebenso westliche Künstler aufregen und zu Bildern animieren.

Liest man den Ausstellungstitel „Chinese*“ auf Englisch, heißt er „Chinese Star“. Auch die gibt es in der Ausstellung. Ochs hat die Werke seiner drei Newcomer mit Skulpturen und Bildern chinesischer Superstars zusammengebracht: Krisen-Medienbilder von Yang Shaobin (je 50 000 Euro), eine Zeichnung mit feisten Köpfen von Fang Lijun oder eine Tuschezeichnung von Chen Guangwu (9800 Euro). Am ehesten orientiert sich Zhang Hui an der chinesischen Maltradition, auch wenn sie sorgloser damit umgeht als Chen Guangwu. Zhang Hui wuchs in Jurong auf, ging mit 15 an ein Kunst-Gymnasium, studierte Malerei in Hangzhou und kam schließlich nach Berlin an die Akademie, wo sie sich mit den minimalistischen Vorlieben ihres Professors Frank Badur konfrontiert sah.

Zhang Hui zeigt kleine, abstrakte Gemälde in gedämpften Farben (je 1350 Euro), die im ersten Moment wie eine altmodische Wandtapete wirken. Obwohl die Striche und Kringel spontan aussehen, sind sie in chinesischer Tradition kontrolliert gemalt. Ebenso konzentriert, aber frischer wirkt ihr Diptychon „Tag“ und „Nacht“ (je 5250 Euro). Das eine Bild zeigt eine alte Stadt von oben, deren Dächer ein Muster ergeben; zwei markante Straßen liegen im Bildraum wie ein Kreuz. Das Gegenstück bildet Los Angeles bei Nacht, das Lichtermeer einer Großstadt.

Ochs’ jüngste Neuentdeckung heißt Lu Song, der in London Malerei studierte und heute wieder in Peking lebt. Die Farbe in seinen großen, schroffen Stadtlandschaften sind feucht aufgetragen und trocken getupft, so dass sie organisch-fleckig wird, die Hochhäuser am Horizont sind dagegen mit akkuraten Linien umrissen. Winzige Menschen gehen rätselhaften Beschäftigungen nach. Offenbar steht Lu Song dem Wuchern der Metropolen ähnlich skeptisch gegenüber wie Zhang Hui. Der Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne scheint das große Thema der jungen Maler zu sein, die dennoch wie die Alten nach malerischer Perfektion streben – nur mit neuen Rezepturen.

Alexander Ochs Galleries, Sophienstr. 21; bis 28.8., Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa. 11–18 Uhr.

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