Kultur : Halbe Steppe

Traum vom starken Mann: die Bestsellerverfilmung „Die weiße Massai“ mit Nina Hoss

Daniela Sannwald

So schwarz und glatt die Haut, so bunt der Kopfputz, stolz die Haltung, groß und schön der ganze Mann: Bei seinem Anblick werden der Schweizer Kenia-Touristin Carola die Knie weich, und sie kann nur noch einen Gedanken fassen: Haben! Diesen Eindruck hat zumindest die Leserin des autobiografischen Super-Bestsellers „Die weiße Massai“ von Corinne Hofmann, in dem die Autorin ihre langsame Eroberung eines Massai-Kriegers und die – auch ökonomische – Inbesitznahme seines Heimatdorfes beschreibt: ein neo-kolonisatorischer Akt einer naiven Gutmenschin.

Nach dem Erscheinen des Romans tourte Corinne Hofmann Mitte der neunziger Jahre durch die Talkshows und zielte in die Herzen von Millionen von Frauen, die von einem ähnlichen Schicksal träumten. Weder der buchhalterische Sprachduktus des Romans noch die nummernartige Abfolge der Ereignisse haben dem Erfolg geschadet, auch nicht, dass die Autorin bis zum Schluss nicht recht erklären kann, worin die Faszination dieses Mannes, mit dem sie anfangs nicht einmal sprechen kann, für sie liegt. Gerade die sprachliche Unbeholfenheit schien die Fantasie der Leserinnen anzuregen, die ihre eigenen Liebesträume, ihre Sehnsucht nach Exotik und Erotik, schönen Wilden und wilder Schönheit zwischen den Zeilen wiederfanden.

Afrika-Filme sind von jeher Publikumserfolge gewesen, sei es Sydney Pollacks „Jenseits von Afrika“ nach den Lebenserinnerungen von Tania Blixen oder zuletzt Caroline Links Oscar-Erfolg „Nirgendwo in Afrika“. Doch auch Regisseurin Hermine Huntgeburth musste berücksichtigen, dass es bei der Verfilmung von Corinne Hofmanns Roman galt, ein prospektives Millionenpublikum nicht zu verprellen, indem man ihm Bilder vorsetzt, die die bereits in den Köpfen existierenden stören.

Aber kein Leser wird diesmal enttäuscht sein, denn Nina Hoss als weiße Massai und der in Burkina Faso geborene Franzose Jacky Ido als Lemalian, das Objekt ihres Begehrens, bringen eine Intensität zustande, die dem Buch fehlt. Und wenn die Kamera von Martin Langer über die weite Steppe schweift, durch die sich zeitlupenartig winzige Menschen und Tiere bewegen, dann wird deutlich, dass die Protagonistin einem Traum folgt, der vielleicht weniger mit dem Mann als mit der großartigen Landschaft zu tun hat, der die Enge in der Schweiz diametral entgegensteht. Wenig später ist es wiederum die Kamera, die erdrückende Hitze, Staub, Dürre und trockene Luft am eigenen Körper spüren lässt, auch die Bedrängtheit der Menschen in den niedrigen, notdürftig eingerichteten Lehmhütten und dann wieder die durch die Fremdheit noch endloser erscheinende urwüchsige Landschaft.

Der weiße Eindringling bedeutet eine Zumutung für die Dorfgemeinschaft. Das beschreibt der Film in einer quälenden Szene: Lemalian lässt Carola in der Hütte seiner Mutter zurück, da sitzt sie nun mit den Nachbarinnen, und es gibt außer einigen vorsichtigen Lächelversuchen in beide Richtungen keinerlei Möglichkeit der Kommunikation. Die Dorffrauen gehen dann sehr schnell zur Tagesordnung über, und Carola sitzt auf dem Boden, schmutzig und erschöpft von einer langen Reise, vergessen und einsam.

Auch ein anderes Problem interkultureller Liebesbeziehungen – schon die unterschiedliche Definition des Begriffes Liebe lässt die Beteiligten schnell an Grenzen stoßen – inszeniert Huntgeburth mit großer Eindringlichkeit: den Streit, der ausbricht, weil man sich missversteht. Carola kauft einen Geländewagen, um mobil zu sein, und Lemalian, zunächst stolzer Beifahrer, wird von mitfahrenden Frauen aufgestachelt, sich selbst ans Steuer zu setzen. Carola warnt ihn, denn er kann nicht fahren und setzt den Wagen prompt gegen einen Baum. Carola ist wütend, schreit ihn an. Er ist gekränkt, dreht sich wortlos um und setzt den Weg zu Fuß fort.

Auch Carolas überhebliche Haltung als selbst ernannte Heilsbringerin inszeniert Huntgeburth mit Geschick. Die Schweizer Geschäftsfrauen-Mentalität kollidiert mit den Vorstellungen von Nachbarschaftshilfe im Samburu-Dorf, wo Carola einen Laden eröffnet, was erneut zu Konflikten mit ihrem Geliebten führt, der am liebsten dem ganzen Dorf Kredit gewährt. Dass Huntgeburth dabei nicht mit der anpassungsunwilligen Europäerin sympathisiert, zeigt inszenatorisches Feingefühl. In solchen Szenen führt die Regisseurin schmerzhaft die Unmöglichkeit interkultureller Beziehungskonstruktionen vor Augen, lässt das unendliche Bemühen spüren, das allen Beteiligten abverlangt wird – um Sehnsüchte in Alltag zu verwandeln und damit zu zerstören. Der Traum ist gescheitert.

In 19 Berliner Kinos

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