Kultur : Halbpension

Die Installation „Hotel Savoy“ im HAU

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Verloren steht man in Zimmer 703. Die Minibar ist gut gefüllt, der Fernseher funktioniert nicht. Ein Soundteppich empfängt den Gast, ein gemachtes Bett und das Gefühl von Vergeblichkeit: Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren. Auf Sinn, Zusammenhang und Zugehörigkeit. „Hotel Savoy“ hat der Schweizer Dominic Huber seine Theaterinstallation getauft, die als dreistöckige Herberge zur Heiligen Einsamkeit auf der Hinterbühne des HAU 1 errichtet ist. Inspiriert von Joseph Roths gleichnamigem Kriegsheimkehrer-Roman von 1924. Ein labyrinthischer Parcours führt durch die Räume und Etagen, über halsbrecherische Leitern, vorbei an Zockern, Exilanten, Versprengten. Zurückgeworfen auf sich selbst sucht man die Erzählung und findet nur Fragmente.

Das Spiel mit dem Unbehausten, es liegt den Künstlern. Vermutlich, weil es so nah an ihrer eigenen Biographie ist. Weil sie als flexible Erkenntnisdienstleister über den Globus jetten und sich immer neuen Zeitzonen und Orten anpassen müssen. Das „Hotel Savoy“ von Dominic Huber feierte im vergangenen Jahr im Gebäude des New Yorker Goethe-Instituts an der 5th Avenue Richtfest. Wie zu hören war, soll es in diesem Gründerzeitbau gegenüber des Metropolitan Museums sehr facettenreiche Bezüge entfaltet haben. Da wurden Roths Figuren mit Reisenden überblendet, die dort Station gemacht hatten, darunter Uwe Johnson, Hannah Arendt und Rainer Werner Fassbinder.

In Berlin fehlen diese Assoziationen. Stattdessen irrlichtern lose Anspielungen auf den Roman durch den Bretterbau, in dem alle Zimmer die Nummer 703 tragen – dort stieg bei Roth der mittellose Protagonist Gabriel Dan ab, nach Lodz zurückgekehrt aus der Gefangenschaft in Sibirien. Raunend herbeigesehnt wird in Hubers Stationen die Ankunft des großen Henry Bloomfield, jenes Milliardärs, auf den alle ihre Hoffnungen setzen. Ein Heilsbringer, der zum MacGuffin dieser Installation wird, die einen in Zimmer voller kochender Chinesen, an einen Pokertisch sowie in eine Bar führt, in der Wodka ausgeschenkt wird und eine Performerin zum Tanz aufgefordert werden möchte. Was gefällt den jeweils eingelassen Besuchern: dass man in dieser Theaterpension nicht an die Hand genommen wird. Man findet seinen Weg oder eben nicht, setzt sich eine Geschichte zusammen oder bleibt der Fremde vor der Tür.

Die Hotel-Idee hat Dominic Huber mit der Krimiperformance „Rashomon: The Truth Lies Next Door“ am HAU und anderswo schon durchgespielt, auch Dries Verhoeven verwandelte das Schöneberger Gasometer mit seiner Installation „You are here“ in eine Absteige mit 40 Zimmern. Viele Variationsmöglichkeiten hat das theatrale Wohnen auf Zeit nicht mehr. Und eines ist auch klar: Wo ein Joseph Roth mit „Hotel Savoy“ das Panorama einer Gesellschaft in Unruhe vor dem revolutionären Sturm entwarf, da hat dieses Bühnengasthaus nicht viel mehr zu bieten als Halbpension. Patrick Wildermann

Am 26., 27., 28.10., 18-22 Uhr und am 23., 29., 30.10., 16-22 Uhr. Start alle 15 Minuten.

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