Kultur : Halbzeit mit vielen Fouls

Wer bekommt die Kohle? Die Ruhr-Triennale, Deutschlands jüngstes und teuerstes Festival, hat endlich auch künstlerischen Erfolg. Doch die eingesessenen Kulturmacher laufen Sturm gegen die internationale Festival-Konkurrenz

Ulrich Deuter

Jürgen Flimm wird 2005 neuer Intendant, und Frank Castorf, der Chef der Berliner Volksbühne, steigt auch mit ein: Die 2002 als größtes deutsches Musik- und Theaterfestival begonnene Ruhr-Triennale plant für die Zukunft. Doch noch immer steht die nächste Runde unter dem Haushaltvorbehalt des Landes Nordrhein-Westfalen, ist die weitere Finanzierung nicht gesichert. Und trotz der kaum mehr bestreitbaren künstlerischen Klasse gibt es Krach mit den eingesessenen Kulturmachern an der Ruhr.

Gerard Mortier, der Gründungsintendant, hat Großes geleistet. Er hat Patrice Chéreau, Robert Wilson, Alain Platel und andere internationale Stars geholt. Und vor der Sommerpause ist die – vemeintlich aufgepfropfte – Ruhr-Triennale auch thematisch im Pott angekommen, fast sogar im Pütt: 16 Tonnen Briketts sind in der riesigen Bochumer Jahrhunderthalle zu einer Spielfläche aufgemauert, samt dem Fragment eines (Zechen-)Häuschens. Ein gewaltiger, schwarz schimmernder Block, eine Erinnerungs-Kaaba für Simon, der als erwachsener Mann ans Sterbebett seiner Mutter zurückkehrt, irgendwo im Revier, wo er in den 60er Jahren seine Jugend verbrachte. „Sentimenti“ heißt dieser Blick zurück in Wehmut, eine jener „Kreationen“, mit denen Mortiers Festival einen Raum zwischen den Genres erobern will.

Die Szenenvorlage entstammt dem Roman „Milch und Kohle“ des Berliner Schriftstellers Ralf Rothmann, der in Essen aufwuchs; die Musik aber ruft nicht etwa die Pop-Klänge jener Jahre zu atmosphärischer Hilfe, sondern Arien und Duette von Verdi: aus „La Traviata“, „Il Trovatore“, „Rigoletto“, „Aida“. Und das passt großartig zu den Konflikten einer Jugend im Kumpelmilieu, den pubertären Aufbrüchen und sozialen Umbrüchen, dem familiären Zusammenbruch, als die Mutter eine Affäre mit einem italienischen Gastarbeiter hat. „Sentimenti“, inszeniert von Johan Simons und Paul Koek mit der niederländischen Theatergruppe ZT Hollandia, eines der wichtigsten Off-Theater Europas, ist eine Hommage an die großen Gefühle kleiner Leute, ein großer Abend – neben Patrice Chéreaus „Phèdre“ und Alain Platels genialischer Mozart-Tanzorgie „Wolf“ die wohl stärkste Produktion dieses neuen Festivals mit seinen über zwei Dutzend Inszenierungen und Konzerten in ehemaligen Industrieanlagen.

Jetzt ist erst mal Halbzeit – und das bedeutet im fußballgeprägten Revier auch für die Triennale eine Zäsur. Denn das über je drei Jahre laufende Festival, dessen erste Hauptsaison am 30. April begann und nach einer sechswöchigen Sommerpause im September bis Mitte Oktober fortgeführt wird, darf nicht einfach nur ein Theater- und Musikangebot von konzeptionellem Rang sein. Nein, es wird in NRW als Match gesehen, bei dem es wichtiger ist, Tore zu schießen und siegreich zu sein, als gute Kunst zu präsentieren. Die gegnerische Mannschaft, die Triennale-Libero Mortier den Ball abnehmen will, setzt sich aus den „Provinzpotentaten“ (Mortier) der Ruhr-Theaterszene zusammen, verstärkt durch den einen oder andern Kulturpolitiker auf Stadt- und Landesebene. Deren Kritik richtet sich angeblich nicht gegen die Spielführung der Triennale-Elf, sondern neidet ihr die teuren Trikots, indem sie mit anklagendem Gestus auf die Löcher im eigenen Hemd verweist.

Es geht, wie beim richtigen Fußball, ums Geld. 41 Millionen Euro stehen der Triennale in ihrem ersten Dreijahresturnus aus Landesmitteln zur Verfügung – etwas weniger, als der NRW-Regierung ihr Zuschuss zu sämtlichen kommunalen Theatern im selben Zeitraum wert ist. Weil das Düsseldorfer Kulturministerium die Subventionen für die festen Häuser just, als die Triennale ihre ersten Premierenerfolge feierte, um 17 Prozent kürzte, gab es Krach und eifersüchtige Verweise auf das viele Triennale-Geld:Die Festivalitis gefährde die künstlerische Grundversorgung.

Der erfolgreiche Bochumer Theaterintendant Matthias Hartmann kann allerdings keine Konkurrenz in der Ruhr-Triennale erkennen und warnt vor einer Polarisierung zwischen Stadttheater und Festival. Sein Mülheimer Kollege Roberto Ciulli vom Theater an der Ruhr hingegen sieht hinter dem Triennale-Konzept eine Landesverschwörung zur Abschaffung der kleinen Bühnen: „Und Mortier ist nur der Narr, der dies in Gang bringen soll.“ Den Essener Opernintendanten Stefan Soltesz kränkt, dass NRW-Kulturminister Michael Vesper die Triennale lobt und nicht „meine Intendantenkollegen und mich. Wir machen Jahr für Jahr gute Spielpläne.“

Hansgünther Heyme, der die in die Triennale integrierten Ruhrfestspiele heuer zum letzten Mal leitete, beschimpft Mortiers Festival gar als „feindliche Umklammerung“. Es scheint, als wolle Heyme nach fünfzehn Jahren in Recklinghausen verbrannte Erde hinterlassen. Dem DGB, der in den Gremien der (alten) Ruhrfestspiele ein entscheidendes Wörtchen mitredet, passt offenbar die Kooperation mit der Triennale nicht – und wohl auch nicht Castorfs modernes Theaterverständnis. Castorf wiederum will freie Hand, sonst habe das Ruhr-Abenteuer für ihn keinen Sinn. Die Sache ist noch nicht gelaufen.

Auch der Leiter des NRW-Kultursekretariats, Dietmar N. Schmidt, wird nicht müde, vor einer Bedrohung für die Revier-Theater zu warnen. Belege dafür bleiben aus. Die NRW-Theaterintendanten-Konferenz hätte die Triennale-Millionen gern für sich; so als würden diese, auf die über zwanzig Bühnen des Landes verteilt, auch nur einer einzigen über die künstlerische Bedeutungsschwelle helfen. Inzwischen wehrt sich die Triennale gegen die ihr aufgezwungene Debatte ums Geld mit einem volkswirtschaftlichen Gutachten, das belegt, wie segensreich die Millionen angelegt sind: Den staatlichen Subventionen stünden Mittelrückflüsse (Steuern, Sozialversicherung) von 19,3 Millionen Euro allein im diesem Jahr gegenüber, die Bruttowertschöpfung im Pott belaufe sich im ersten Triennale-Zyklus auf 54 Millionen Euro. Und die Platzausnutzung liegt mit mehr als 70000 Besuchern bei über 80 Prozent.

Ob die sehr guten Zahlen und der künstlerische Erfolg aber das Torverhältnis ändern, ist fraglich. Von Mortier kam das Revanche-Foul, es gebe „zu viel Kultur“ im Revier. Dabei wäre ein hartes Match so schön, ginge es um den Existenzgrund des ganzen subventionierten Theaters – die Kunst. Um Qualität statt Masse. Um Konzentration statt des vielen Bisschens überall. Um die Aussicht, durch ein kontinuierliches Festival wie die Triennale das Ruhrgebiet wirklich zum „Kulturgebiet“ zu erheben, wie ein selbstverliebter Revier-Slogan lautet. Um die Chance, dadurch das künstlerische Niveau hier insgesamt zu heben, das zwar mit dem Schauspielhaus Bochum, Ciullis Mülheimer Theater an der Ruhr und der Essener Aalto-Oper drei Spitzen besitzt, sonst aber meist Mittelmaß bleibt. Dies Maß jedoch ist vielen im Revier das liebste; Schwieriges, Sperriges, Waghalsiges, ein Programm mit geistigem Anspruch, wie es Mortier in Bochumer Jahrhunderthalle, Duisburger Gebläsehalle, Gladbecker Zeche Zweckel anbietet, muss nicht das Charakteristikum sein, das das Ruhrgebiet nach außen (bis hin zu Berichten in der „New York Times“) repräsentiert. Immer noch wird die Triennale im Ruhrgebiet als von Düsseldorf aufgesetzt erlebt, als lebhaften Beweis dafür, dass man es allein nicht geschafft hat. Halbzeit also – und was dann? Vesper steht, sagt er, fest zur Ruhr-Triennale. Sein Ministerpräsident Peer Steinbrück hingegen orakelt, das Land könne sich keine „Leuchtturm-Projekte“ mehr leisten.

Gerard Mortiers Nachfolger für den Turnus 2005–2007 wird also Jürgen Flimm, bis jetzt Schauspielchef in Salzburg. Das Programm des belgischen Festival-Pioniers Mortier sieht nach der Sommerpause noch einige Angriffszüge vor, unter anderem eine „Zauberflöte“ von La Fura dels Baus. Es besteht Hoffnung, dass die Triennale das Match gegen den SV Kleingeist gewinnt.

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