„Halka“ von Stanisław Moniuszkos in Posen : Die Verführung des Bauernmädchens

Eine wahre Entdeckung: „Halka“ von Stanis ław Moniuszkos ist das Symbol der polnischen Nationaloper. In Posen wird der Klassiker um eine verzweifelte Liebesgeschichte von 1858 in die Gegenwart geholt.

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Der Chor befindet sich bei "Halka" an der Oper in Posen im Zuschauerraum.
Die Zuschauer direkt ansprechen: Der Chor befindet sich bei "Halka" an der Oper in Posen im Zuschauerraum.Foto: Opera Poznan

Was den Deutschen ihr „Freischütz“, ist den Polen die „Halka“: ein nationales Heiligtum, das die Leute am liebsten immer wieder genau so sehen wollen wie zur Uraufführungszeit. Bei Webers Oper also mit dunklem Tannwald und Schützenfeststimmung. Und bei Stanisław Moniuszkos größtem Erfolg mit Bergbauernidyll und Trachtenherrlichkeit. Der 1819 geborene und in Berlin ausgebildete Komponist war der erste, der traditionelle polnische Weisen und Tänze in seinen Musiktheaterpartituren verarbeitete. So wie Smetana in Tschechien oder Ferenc Erkel in Ungarn trug dieser Einsatz von Volksmusik zum Aufbau eines nationalen kulturellen Selbstbewusstseins bei. Im Fall der Polen, deren Heimat seit dem späten 18. Jahrhundert von Preußen, Österreich und Russland besetzt war, fiel die Identifikation mit der im Klassenkampf unterlegenen Halka besonders stark aus.

Der reiche Adlige Janusz hat das Bauernmädchen Halka verführt und geschwängert. Obwohl er es ihr versprochen hat, denkt er gar nicht daran, sie zu heiraten. Stattdessen strebt er eine standesgemäße Ehe an. Während der Verlobungsfeier erscheint Halka vor dem Schloss und singt das Lied von der weißen Taube, dem ein stolzer Falke das Herz herausgerissen hat. Janusz schickt sie weg und macht ihr zugleich Hoffnung, dass er zu seiner Liebe stehen werde. Das natürlich nicht geschieht: Im 4. Akt stürzt sich die verzweifelte Halka von einem Felsen.

Wuchtige Architektur am Rande der Altstadt

Bis heute gehört das Werk zum Kernrepertoire aller polnischen Operntruppen, das Teatr Wielki in Posen ist sogar nach dem Komponisten benannt. Es ist ein schmuckes Haus, 1909 am Rand der Altstadt errichtet, nachdem man die alten Wehranlagen geschliffen hatte, um Platz für Grünanlagen und Repräsentationsbauten zu schaffen. Gegenüber des im antikisierenden Stil dekorierten Musentempels erstreckt sich ein Park mit Fontäne und penibel gepflegten Rabatten, hinter hohen Bäumen wird der Baukörper des Kaiserforums sichtbar, im wuchtigen neoromanischen Stil errichtet für Wilhelm II.

Das Theater selbst ist von eleganteren Proportionen, ein Entwurf des Architekten Max Littmann, von dem auch das Münchner Hofbräuhaus sowie die Theater in Weimar und Neustrelitz stammen. Sechs hohe Säulen tragen ein Portal, das von einem Pegasus gekrönt wird. Auf beiden Seiten der Freitreppe sind überlebensgroße Skulpturen aufgestellt, linkerhand reitet eine barbusige Schöne auf einem Löwen, rechterhand ein Athlet auf einem Panther. Im Hauptfoyer bestrahlen klassizistische Kronleuchter goldbronzene Stuckaturen, und auch der Zuschauerraum ist üppig ausgestattet.

Wohlstandsbürger gegen Waldwesen

Als Filiale der preußischen Oper wurde die Posener Bühne zunächst genutzt, zehn Jahre nach der Einweihung mit Mozarts „Zauberflöte“ ging die Leitung in polnische Hände über, als das Land nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstand. Nur 20 Jahre später waren dann die Usurpatoren erneut da. Bei der „Halka“-Premiere sind die Umgänge im Parkett in rätselhaftes, rotes Licht getaucht – und die Saaltüren bleiben offen. Denn Regisseur Pawel Passini ist daran gelegen, dass sich die Besucher direkt angesprochen fühlen. Es geht um die und wir, um eine Übertragung der Problematik „Adel gegen den 3. Stand“ in eine heute nachvollziehbare Form. Auf deutschen Bühnen würden wahrscheinlich syrische Flüchtlinge und AfD-Sympathisanten aufeinanderprallen. In der polnischen Schauspieltradition gibt es einen dritten Weg zwischen Regieberserkertum und konservativem Konzert im Kostüm: das poetische Bildertheater.

Passini lässt die Choristen also von seiner Ausstatterin Zuzanna Srebrna in Fräcke stecken, wenn sie die gefühlskalten Wohlstandbürger darstellen. Halka und ihre Leute dagegen sind Waldwesen, tragen Hörner auf dem Kopf oder gar Tierköpfe. Ihre Sphäre ist die Bühne, die Zauberwelt des Guckkastens. Wann immer sie auftreten, ist die Szene in diffuses Licht getaucht. Die Schwalbenschwanzträger wiederum haben ihren natürlichen Lebensraum im Foyer und im Saal. Zu Beginn sind sie im Parkett und auf den Rängen verteilt, schmettern selbstbewusst ihre „Hoch!“-Rufe für Janusz und seine hochwohlgeborene Zukünftige ins Zuschauerhalbrund. Mit zögernden Schritten wird der Edelmann später die Brücke überwinden, die über den Orchestergraben zur Bühne führt. Auf dem fremden Terrain gelingt es ihm, Halka zunächst zu vertrösten. Als er sich dann als einer jener Herren herausstellt, die Liebschaften mit Mädchen aus dem Volk als Kavaliersdelikt abtun, sieht sie keinen anderen Ausweg als den Freitod.

Für gewöhnlich ist die Oper damit zu Ende, doch der Regisseur hat sich aus der Partitur die Mazurka des 1. Finales „ausgeliehen“, die er nun als bittere Coda anhängt. Ungerührt vom Schicksal der jungen Frau drehen sich die befrackten Paare im Dreiertakt – um dann doch allesamt, Halka hinterher, tanzend über den Abgrund ins Nichts zu taumeln.

Der polnische Donizetti: Stanisław Moniuszkos

Ein paar starke Gruppenszenen genügen Pawel Passini, um seine Interpretation augenfällig zu machen. In den Arien dagegen verlangt er von den Protagonisten kaum Aktion – weil er auf die Stärke von Moniuszkos Musik vertraut. Und die ist für alle nichtpolnischen Besucher wirklich eine Entdeckung. Weil der Komponist nämlich nicht nur eine leichte Hand beim Erfinden eingängiger Melodien hatte, sondern auch ein genuines Gespür für dramatische Zuspitzung. Der Posener Generalmusikdirektor Gabriel Chmura erklärt ihn geradewegs zum polnischen Donizetti, so feurig, so südlich-leidenschaftlich lässt er das Orchester spielen. Ein starker Puls treibt diese Musik an, und die jungen Sänger steigen begeistert auf Chmuras packende Lesart ein, vor allem Magdalena Molendowska fasziniert als Titelheldin mit flammenden Kantilenen.

Ein einziges Mal ist „Halka“ nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin gespielt worden, 1953 an der Staatsoper. Unerklärlich, warum dieses musikalisch so reiche, emotional unmittelbar anrührende Stück westlich der Oder kein Interesse findet. Immerhin kann man in drei Zugstunden nach Posen fahren.

„Halka“ wird in Posen wieder Mitte Oktober und Mitte Dezember gezeigt. Infos: www.opera.poznan.pl

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